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Publikation: Hach W (1997) Virchow in Berlin. In Heinrichs C, Jakob J (Hrgb) Das Thromboemboliesyndrom in Klinik und Ambulanz, Natürliche Inhibitoren bei Atheromatose und Sepsis. Pabst Science Publishers. Lengerich. S 158-68

Aus dem Venenzentrum Frankfurt am Main

Virchow in Berlin

Wolfgang Hach


Rudolf Virchow gehörte zu den genialen Forschern des
19. Jahrhunderts. Mit seiner Cellularpathologie löste er endgültig die antiken Vorstellungen einer Säftelehre ab und erreichte damit den Durchbruch der Naturwissenschaften in der Medizin. Viele der modernen Krankheitsbegriffe gehen auf seine Begründungen in der pathologischen Anatomie zurück.

Auch andere Zweige der Naturwissenschaften hat Virchow durch seine Forschungen bereichert, vor allem die Anthropologie und die Archäologie.

Die größten Verdienste hat sich Virchow als Reformator der Soziologie und der Sozialmedizin in Berlin erworben. Mit seinem politischen Engagement gelang ihm die Durchsetzung von wichtigen Einrichtungen der Hygiene, die Berlin bald zu einer der fortschrittlichsten Großstädte der Welt machen sollten.


Rudolf Virchow (1821-1902). Professor der Pathologie an der Berliner Charité. Begründer der Zellularpathologie und einer grundlegenden Reform der Sozialmedizin
Die schlichte Abfassung des Themas Virchow in Berlin läßt nicht erahnen, welche Komplexität, welcher heute noch kaum vorstellbare Umbruch unserer Kultur und Zivilisation sich dahinter verbirgt. Die Medizin war Anfang des 19. Jahrhunderts noch mitten dabei, sich aus der Vorstellungswelt des Mittelalters zu lösen. Die Großstadt Berlin befand sich im Aufwind der Industrialisierung und stand vor großen sozialen Problemen. In diese Zeit hinein wurde Rudolf Virchow geboren. Er bewirkte den endgültigen Durchbruch der Naturwissenschaften in der Medizin. In genialer Weise erkannte er auch die politischen Brennpunkte der Stadt Berlin und ihrer Bürger, die ihr Schicksal in bitterer Armut verbringen mußten. Er setzte sich sein ganzes Leben lang kompromißlos für konsequente Änderungen der erbärmlichen Verhältnisse ein.

Die Folgen des Napoleonischen Krieges 1806 mit den riesigen Kriegsentschädigungen, die Erfindungen der Dampfmaschine durch James Watt 1784 und der Spinnmaschine durch Richard Arkwright 1775 haben unser Land in eine schwere soziale Krise mit einer Massenverelendung der Menschen in Stadt und Land geführt. Das traf vor allem für Preußen zu. Am 19. März 1848 griff die Revolution von Paris und Wien auf Berlin über, und auf den Barrikaden am Alexanderplatz kämpfte Rudolf Virchow mit Studenten und Arbeitern gegen preußische Soldaten.

Virchow kam 1821 in dem Pommerschen Städtchen Schivelbein auf die Welt. Er wurde 81 Jahre alt. Seine medizinische Ausbildung erfolgte an der berühmten Pépinière, der preußischen militärärztlichen Akademie in der Friedrichstraße. Virchow habilitierte sich 1847 und übernahm im selben Jahr die Prosektur an der Charite, nachdem Professor Dr. Robert Friedrich Froriet das Amt abgegeben hatte. Im selben Jahr gründete Virchow das Archiv für pathologische Anatomie und Physiologie und für klinische Medizin, heute Virchows Archiv.

Entscheidend für die spätere politische Einstellung und für den ganzen Lebensablauf war die königliche Delegation nach Oberschlesien zur Beobachtung der schweren Fleckfieberepidemie 1847/48. "Eine verheerende Epidemie ... und eine furchtbare Hungersnoth wütheten gleichzeitig unter einer armen, unwissenden und stumpfsinnigen Bevölkerung". Virchow unterschied zwischen künstlichen und natürlichen Seuchen; die künstlichen wurden durch den Hunger der Menschen ausgelöst. Er prägte den Begriff der Volkskrankheit und prangerte die katastrophalen Zustände beim König an.

Aufgrund seiner Beteiligung an der Revolution mußte Virchow Berlin verlassen. Er folgte einem Ruf an die Universität Würzburg und kehrte 1856 als erster Inhaber des Lehrstuhls für pathologische Anatomie an das neu erbaute Institut der Charité zurück. In den sieben Würzburger Jahren schuf Virchow das Konzept der Cellularpathologie, das ihn selbst und die Berliner Medizin zum Weltruhm fuhren sollte. Trotz der gestrengen militärischen Erziehung lebten in Virchow zwei Verpflichtungen, die des unermüdlichen Wissenschaftlers und die des großen sozialmedizinischen Reformators im alten Berlin.

Die Berliner Humboldt-Universität war im Jahre 1810 gegründet worden, mit der Charité als Sitz der medizinischen Fakultät. In den Jahren um 1840 entstand die berühmte Berliner Schule, die erstmals eine Ausbildung der Studenten am Krankenbett unter Anwendung der neuesten naturwissenschaftlichen Erkenntnisse praktizierte. Die Begründer der Berliner Schule waren Johannes Müller als Anatom und Physiologe, Johann Lukas Schönlein als Internist und der Chirurg Johann Friedlich Dieffenbach. Und Virchow war einer ihrer Schüler.

Die Humoralpathologie von Galen (129-199 n. Ch.) lag in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch ganz im Trend, obgleich Giovanni Batista Morgagni (1682-1771) bereits in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts die Solidarpathologie begründet hatte. Der Ursprung der Krankheiten war nach dieser Anschauung nicht mehr in einer Dyskrasie der Körpersäfte, sondern in den Veränderungen von Organen bzw. Geweben zu suchen. Von hier aus bis zur Zelle als dem Sitz aller krankhaften Vorgänge im Organismus war es dann aber noch ein weiter Weg.

Ein typisches Beispiel für die Galensche Humoralpathologie war die Gründliche Salivationstherapie der Syphilis (Liljestrand, 1944). Die Anwendung der quecksilberhaltigen Grauen Salbe (Unguentum Neapolitanum) als Louvrier-Rüstsche Einreibungscur und anderer Quecksilber-Präparate führte zur Absonderung von 2 bis 5 Liter Speichel und Schleim am Tag. Die Patienten mußten zweimal täglich über je zwei Stunden warme Bäder nehmen, sich in überheizten Räumen mit geschlossenen Fenstern aufhalten und durften weder die Körper- noch die Bettwäsche wechseln. Die Diät bestand aus verschiedenen Tees und dünnem Bier. Auf diesem Wege sollte die Dyskrasie der Körpersäfte beseitigt werden.

In seiner Cellularpathologie begründete Virchow die Anschauung von der cellularen Natur aller Lebenserscheinungen. Die Zelle ist wirklich das letzte eigentliche Formelement des Lebens: sie ist nur so lange wirksam, als sie uns wirklich als Ganzes ... entgegentritt und es entsteht keine pathologische Form, die nicht auf die Zelle zurückgeführt werden kann. Er prägte den Satz Omnis cellula e cellula.

Virchows Cellularpathologie ist in 20 Vorlesungen eingeteilt. Im Vorwort steht, daß Virchow die Vorlesungen tatsächlich von einem Herrn cand. med. Langenhaun mitstenographieren ließ und dann nur noch leichte Änderungen zu redigieren hatte. Er schuf darin eine große Reihe von Krankheitsbegriffen, die heute zum selbstverständlichen Sprachgut gehören. An Beispielen werden Leukämie, Leukocytose, Anämie und Sarkom erwähnt.

In seiner Zehnten Vorlesung am 17. März 1858 ging Virchow auf die neuen Begriffe der Thrombose und Embolie ein. Über den Charakter der Thrombose setzte er sich mit der bisherigen Lehre des französischen Pathologen Jean C. Cruveilhier (1791-1874) auseinander. Cruveilhier glaubte, daß es sich um Eiter handele, was man in den Venen bei der Obduktion vorfand, und daß die Thrombose ein entzündlicher Prozeß sei. Virchow hat aufgrund der mikroskopischen Untersuchungen den Gegenbeweis angetreten: Die Erweichung eines Thrombus ist eine puriforme Substanz, aber keine purulente. Als wichtigste Ursache der Thrombose erkannte Virchow die Veränderung der Gefäßwand wie Unebenheiten, Höcker, Vertiefungen und selbst Ulzerationen ... sowie eine Phlebitis im gebräuchlichen Sinne des Wortes .
Venöser Thrombus.
In Die Cellularpathologie, S. 178
Die Stase des Blutstroms als pathogenetischer Faktor wurde bei der aufgepfropften Thrombose erwähnt; der Thrombus .... wächst in Form eines dicken Zylinders weiter und wird immer größer und größer. Wann die zur Virchowschen Trias zählenden Veränderungen in der Zusammensetzung des Blutes hinzugekommen sind, konnte der Autor nicht herausfinden. In den frühen Originalarbeiten Virchows ist davon nicht die Rede.

Zur Embolie schrieb Virchow, daß größere oder kleinere Massen von dem Ende des erweichenden Thrombus abgelöst, mit dem Blutstrom fortgeführt und in entfernte Gefäße eingetrieben werden. Dies gibt den sehr häufigen Vorgang der von mir so genannten Embolie.
Embolus in der Lunge und aufgepfropfter Thrombus.
In Die Cellularpathologie, S 185
Virchow hat Versuche mit der intravenösen Applikation von verschiedenen Partikeln wie Gewebsstückchen, Korken oder Holunderbeeren angestellt, um zu beweisen, daß die Beförderung bis in die Lunge durch den venösen Blutstrom möglich ist.

Virchow beschränkte sich aber nicht nur auf seine pathologischen Untersuchungen, er gab auch Empfehlungen zur Therapie und Prophylaxe ab. Bezüglich der Thrombose wurden die Prinzipien in Tabelle 1 zusammengefaßt.

Thromboseprophylaxe nach R. Virchow 1854  
Gute, kräftige, leicht verdauliche Nahrung  
Leicht erregende Getränke  
Verbesserung der Digestion  
Häufige Lagewechsel  
Herz- und Respirationskraft auf der Höhe halten  
Elevierte Lage  
Druckverbände und Einwickelungen  
Friktionen der Theile  
Beseitigung partieller Compressionen 

Virchow hat im Laufe seines Lebens mehr als 2.000 Arbeiten zu allen Bereichen der medizinischen Wissenschaft geschrieben. Hervorzuheben ist die intensive Beschäftigung mit der Anthropologie, die Virchow zu einem selbständigen Zweig der Wissenschaften gemacht hat. Die Anthropologie untersucht das Woher und das Wohin der Menschheit. Virchow betrachtete darunter noch die gesamten empirischen Wissenschaften vom Menschen einschließlich sozialer und philosophischer Gedanken.

Eine besondere Rolle spielten die Anthropogenie, die Geschichte der Entstehung des Menschen, und dann vor allem die Anthropometrie. Virchow hat 4000 Schädel vermessen und klassifiziert.
Rudolf Virchow in seinem Arbeitszimmer
Im Jahre 1868 begann er mit der Untersuchung von 6 760 000 deutschen Schulkindern bezüglich ihrer konstitutionellen Merkmale; er kam zu dem Schluß, daß es eine reine deutsche Rasse nicht gibt.

Das breite Interesse des Gelehrten an den Wissenschaften zeigte sich auch an den archäologischen Forschungen. Virchow entdeckte 1865 Pfahlbauten am Lübtowsee in Pommern und war an den Ausgrabungen von Burgwällen in der Lausitz beteiligt. Mit Heinrich Schliemann (1822-1890) reiste Virchow 1879 zu den Ausgrabungen nach Troja. Im Jahre 1888 führte ihn eine Reise nach Ägypten zur Erforschung der Mumien.

Die allergrößten Verdienste erwarb sich Virchow als Fürsprecher der Armen und der Hilflosen, als Reformator der Sozialmedizin in Berlin. Die industrielle Revolution zum Frühkapitalismus hat der Berliner Bevölkerung eine Verelendung ohnegleichen gebracht. Die Lebenserwartung der Menschen erreichte im Durchschnitt keine 30 Jahre. Zusammen mit Rudolf Leubucher gründet Virchow 1848 die Zeitschrift Die Medicinische Reform. Er vertrat darin die Ansicht, die Ärzte sind die natürlichen Anwälte der Armen, und die soziale Frage fällt zu einem erheblichen Teil in ihre Jurisdiktion.

Virchow war 1861 Mitbegründer der Deutschen Fortschrittspartei. Er wurde als Abgeordneter in den Berliner Stadtrat und schließlich in den Preußischen Landtag gewählt. Seine scharfen Reden waren berühmt. Am 2. Juli 1865 legte er sich so mit Otto Fürst von Bismarck (1815-1898) an, daß er zum Duell mit Pistolen gefordert wurde. Durch Vermittlung auf höchster politischer Ebene kam es aber nicht dazu. Von 1880 an erhielt Virchow auch einen Sitz im Reichstag.

Die Charité und ein paar kleine private Krankenanstalten konnten die stationären Behandlungen der Patienten in der schnell wachsenden Großstadt nicht mehr bewältigen. Virchow hat sich an der Gründung von vier großen Krankenhäusern in Berlin beteiligt, an Friedrichshain, Moabit, Urban und an einem Kinderkrankenhaus. Damals kam der Pavillon-Stil auf, da die Erreger der Infektionskrankheiten noch nicht entdeckt und demzufolge die hygienischen Bedingungen unzureichend waren. Die chirurgischen Eingriffe fanden meistens in den Krankenzimmern statt.

Eins der wichtigsten Probleme für Berlin war die fehlende Kanalisation. Überall an den Straßen standen Senkgruben und Aborthäuser.
Aborthäuschen am Molkenmarkt 1785 (Bildnachweis Rosenberg)
Die Abgänge flossen die Straßen entlang, bis sie sich irgendwo in die Spree entleerten. Virchow erstellte 1874 das Gutachten zur Kanalisation der Abwässer auf die berühmten Rieselfelder in den Vororten. Damit wurde Berlin bald zu einer der saubersten Großstädte der Zeit.

Eine wichtige sozialhygienische Bedeutung hatte auch die Einrichtung von Zentralmarkthallen. Virchow führte die zentralen Schlachthöfe und 1877 die Trichinenschau ein. Er hat sich des weiteren für einen Schulärztedienst eingesetzt, für die Straßenbeleuchtung und für das Handwerk.

Als ein Meilenstein in der Karriere des engagierten Arztes gelten der Neubau des Pathologischen Instituts und die Gründung eines Pathologischen Museums in Berlin. Nur aufgrund der wissenschaftlichen Erkenntnisse in der Pathologie vermochte Virchow soziale Reformen in den politischen Gremien durchzusetzen. Virchow legte die größte pathologisch-anatomische Sammlung der Welt an. Er hat über 20.000 Präparate mit eigener Hand hergestellt und archiviert, von denen nach den Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg noch viele erhalten sind. Berlin konnte das alte Virchow-Museum mit dem pathologisch - anatomischen Cabinett an der historischen Stelle neu aufbauen.
Rudolf Virchow-Museum in der Charité. 1996 Wiederaufbau
Die Ausstellungen werden von Schulklassen, Studenten und Gästen aus der ganzen Welt mit dem größten Interesse betrachtet.

Virchow wurde 81 Jahre alt und blieb bis zuletzt im vollen Besitz seiner körperlichen und geistigen Kräfte. Er starb an den Folgen einer Oberschenkelfraktur, die er sich zugezogen hatte, als er in einer belebten Berliner Hauptstraße von der fahrenden Straßenbahn abgesprungen war. Berlin setzte seinen Ehrenbürger mit einem Staatsbegräbnis unter reger Anteilnahme der Bevölkerung bei. Karl Sudhoff, der Begründer der modernen Medizingeschichte in Leipzig, sagte anläßlich eines Festvortrags über Virchow, „das Nachleuchten ... der Flamme seines Geistes ... ist noch Jahrzehnte nach seinem Tode zu spüren, wird niemals ganz erlöschen ".

Literaturverzeichnis
1. Canstadt C (1847) Handbuch der Medizinischen Klinik, Abth 11. Ferdinand Enke. Erlangen

2. Engelhardt v. D, Hartmann F (1991) Klassiker der Medizin Band 11. Becksche Verlagsbuchhandlung. München

3. Haffner S (1981) Preußen ohne Legende. Grüner und Jahr. Hamburg

4. Knetsch P, Tide M (1996) Pathologisch-Anatomisches Cabinett. Blackwell Wissenschafts-Verlag. Berlin Wien

5. Liljestrand G (1944) Poulsson's Lehrbuch der Pharmakologie. Hirzel. Leipzig

6. Rosenberg JG (1995) Die Berliner Stiche. Nicolaische Verlagsbuchhandlung Beuermann. Berlin

7. Simon H, Krietsch P (1985) Rudolf Virchow und Berlin. Pathologisches Institut, Humboldt-Universität zu Berlin

8. Schipperges H (1994) Rudolf Virchow. Rowohlt. Reinbeck bei Hamburg

9. Winau R (1987) Medizin in Berlin. Walter de Gruyter. Berlin New York

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