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Publikation: W. Hach, Viola Hach-Wunderle (2005). Gefäßchirurgie im Druck
 


Aus dem Venenzentrum Frankfurt am Main
(Prof. Dr. Wolfgang Hach)
und dem Gefäßzentrum des Krankenhauses Nordwest Frankfurt
(Prof. Dr. Viola Hach-Wunderle)

Der Verbandstisch des Scultetus Joannis Ulmensis bei der großen Gliedmaßenamputation

von W. Hach und Viola Hach-Wunderle


Joannis Scultetus Ulmensis gehört zu den herausragenden Chirurgen des 17. Jahrhunderts. Er erhielt eine langjährige Ausbildung in der Anatomie und Chirurgie an der berühmten Universität von Padua. Sein Lehrbuch Armamentarium chirurgicum gilt heute als ein bewundernswertes Zeugnis der damaligen operativen Möglichkeiten und des Mutes der Wundärzte angesichts der tödlichen Gefahren von Blutung und Infektion. Allein der Blick auf den Verbandstisch mit den verschiedenen Pulvern, Salben, Mixturen, Binden und der Rindsblase lässt uns an einer Amputation in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges teilhaben.



Operation im Wohnzimmer des Patienten in Anwesenheit des Pastors, von 2 Gehilfen und 2 Helferinnen mit Verbandsmaterialien. De partu caesareo (Kaiserschnitt)
Im 17. Jahrhundert gehörte die große Amputation an einer Gliedmaße zu den absolut lebensbedrohlichen Eingriffen der Wundärzte. Der Patient war sowohl durch die Blutung wie auch durch die nachfolgende Infektion in höchstem Maße gefährdet. Der Chirurg musste mit größter Schnelligkeit operieren. Es gelang zwar, den Kranken während des Eingriffs in einen Dämmerungszustand zu versetzen, die Narkose war aber noch lange nicht erfunden. Deshalb standen dem Operateur nur kürzeste Zeiten zur Verfügung. Eine Oberschenkelamputation dauerte seinerzeit kaum länger als 1 oder 2 Minuten, manchmal aber noch weniger. Der englische Chirurg Lister soll nur 20 Sekunden für den Eingriff gebraucht haben.

Der Leser muss sich auch vergegenwärtigen, dass die Operation in einem Wohnzimmer des Patienten oder auf dem Marktplatz hinter einer Schaubude erfolgte. Nur die in Zünften organisierten Bader verfügten über ein kleines spezielles Behandlungsstübchen, in dem alle Eingriffe am menschlichen Körper ohne Rücksicht auf die Reinlichkeit vorgenommen wurden.
Titelblatt des Armamentarium chirurgicum bipartitum
Armamentarium chirurgicum
Das Armamentarium wurde seit der ersten Erscheinung anno 1653 in mehreren Auflagen vervollständigt und aus dem Lateinischen in verschiedene Sprachen übersetzt. Den Autoren lagen sowohl die lateinische Ausgabe der Druckerei Gerlin in Frankfurt aus dem Jahre 1666 (3) als auch die deutsche Übersetzung als Reprint (4) vor. Das Werk besteht aus 2 Teilen in einem Band. Die Pars prima ist mit 54 ganzseitigen Tabulae ausgestattet, auf denen jeweils bis zu 12 Figurae dargestellt sind. Zu jeder der einzelnen Illustrationen gibt es eine ausführliche Beschreibung.
Tabula LIII. De post resectionem manus deligatione
Die Pars secunda besteht aus den Observationes Chirurgae. In 98 Kapiteln sind chirugische Kasuistiken von Krankheitsverläufen mit den verabreichten Rezepturen niedergeschrieben.

Tabula LIII. Über den Verband nach Amputation der Hand
Die Bildseite 53 handelt das Kapitel ab Wie die / biß auff das Marck hinein verdorbene grosse Ellenbogen=Pfeife (Ulna) curiret; sodann / wie der vorder=Arm / nach abgenommener äusserster Hand / verbunden werden sollte. Die Figura IV zeigt den Verbandstisch für die Versorgung des Stumpfes nach Amputation der Hand.
Beistelltisch mit den Verbandsmaterialien und den Glüheisen
In der deutschen Übersetzung heißt es zur Legende: Bey der IV. Figur / ist die Zurüstung / welche in vor= und nach Abnehmung eines Gliedes / höchstens vonnöthen / und deßwegen / ehe dann man zu der Operation selbsten schreitet / auff das allerfleissigst anzuordnen ist / abgebildet zu sehen.

Schüsselein mit Eyerklar oder mit dem Egyptischen Sälblein
Als da ist ein Schüsselein (a.) in welchem die anhaltend / und auß wolgeklopfftem Eyerklaar / und deß Galeni Stell=Pulver zubereitete Artzney stehet / darinnen die Bäuschlein anbefeuchtet / und diese alsdann / wann der Chirurgus ein Glied in dem gesunden Theil abgenommen hat / umb und über den Stumpen appliciret werden.

Im Fall aber mit glüenden Cauterisier-Eisern genugsam gedupffet werden muste; da solle man / in eben diesem Schüsselein anstatt der obgedachten Stell=Artzney anjetzo deß Fabricij Hildani Egyptisches Sälblein in bereitschafft haben / umb / durch dasselbe den Brand oder die Ruffen
(gebrannter Schorf) hernacher abzusondern.
Erklärung. Das Eyerklar, das geschlagene und geronnene Eiweiß vom Hühnerei, galt als Mittel zur Blutstillung, also eine gerinnende Substanz für die Gerinnung des Blutes. Similia similibus cuarantur. Nach Wirsung (5) ergaben sich für die Verwendung von Eyerklar die verschiedensten Indikationen.

Das Galenische Stellpulver besteht nach der Rezeptur von Fabricius Hildanus (1) aus Farinae volatilis (Staubmeel), Sanguinis Draconis, Aloe, (Pflanzen), Boli Armeni orientalis, Terrae sagillatae, Gypsi (Gesteine), Ranarum Aquatilium praeparatum (lebende Frösche), Musci cranii humani (Moos, das auf menschlichen Schädeln wächst), Pulveris Albuminis ovorum (Eiweiß von Eiern) u.a.

Das Egyptische Sälblein des Fabricius Hildanus in Padua bestand aus Aeruginis (Grünspan), Mellis (Honig optimi) und Aceti (Essig), die durch starkes Erhitzen eingedickt wurden und eine rote Farbe hatten. Es wehret dem überflüßigen Fleisch und verzehret das verfaulet (4). Außerdem „macht sie auch, daß die ohne Unterlaß vom kranken Ort aufsteigenden Dämpfe, die Hirn Herz, Leber und andere innere Teile schädigen, weniger giftig sind“ (1).
Zweites Schüsselein
Mit b. ist ein anders Schüsselein bezeichnet / welches mit einer zurücktreibenden / nemlich auß rothem Wein geklopfften Eyerklar und Rosen=Oel zubereiteter Arztney angefüllt ist. So muß man / zu verhütung der inflammation die Binden nothwendig darinnen befeuchten.

Deller und Büschelein
c. ist ein Deller / auff welchem vier / mit d. gemerckte Büschellein ligen. Und werden solche auß zerzogenen Fasern / oder auß Flachs oder Hänffenwerck gemachet / und mit einer taugenlichen Arztney anbefeuchtet oder beschmieret.

Vierfache Bäuchlein
e. Seind zwey vierfache Bäuschlein / welche in eine / außfrischem Wasser und Essig gemachter Mixtur eingedauchet / widerumb außgetrucket / und über die / mit tauglicher Arztney anbefeuchtet= oder bestrichene Büschelein kreutzweiß übergeleget werden sollen.

Zweyköpffige Binde
f. Ist die erste zweyköpffige Binden / (deren man aber zwey zu dem verbinden haben muß) welche in einer zurucktreibenden Mixtur anbefeuchtet / und wiederumb / doch nur mittelmässig augetrucket worden.

Becken und Rindsblase
g. Ist ein Becken / in welchem das Oxycratum, oder die obengedachte / auß Essig und Wasser gemachte Mixtur stehet / und darinnen ein Rinds=Blasen schwimmet / welche mit h. bezeichnet ist / und nach Anlegung der ersten Binden / dem schadhafften Elnbogen appliciret wird.
Erklärung. Oxycratum ist eine Mischung aus Wasser und Essig.
Andere zweyköpfige Binde
i. Ist die andere Binden / welche gleichfalls zwey Häupter hat / doch ist sie ettwas länger als die erste; diese wird auch in dem Oxycrato anbefeuchtet / und über die angelegte Rinds=Blasen umbgebunden.

Schwamm
k. Ist ein neuer / in dem offtgemeldeten Oxycrato anbefeuchteter Schwamm / mit welchem vor dem verbinden / das gestimmelte Glied geböhet wird / hierdurch deß Blutes / oder auch andere Feuchtigkeiten Zufluß zu verhüten.

Glutpfanne mit Cauterisiereisen
l. Ist eine Glut=Pfanne / in welcher etliche Cauterisier-Eisen gestecket zu sehen sind / deren man beim Abnehmen eines jeden Gliedes hoch vonnöthen hat / und deßwegen in Bereitschaft stehen sollten.

Fig. IX. Anlegen des Verbandes
Die IX Figur zeiget / wie die / über den gestimmelten Arm / und erstes Gebände applicirte Rinds=Blasen (h.) mit der zweyten Binden (i.) gleichermassen / wie mit der ersten auch beschehen / kreutzweis überbunden wird; und wie der Chirurgus mit deren einem Haupt (t) so viel daran noch übrig ist / biß an die Elenbogenbüge auch rings herumb hinauffwärts fähret / den Zufluß des Geblütes hierdurch zu verhüten.
Fig. IX Halbfertiger Verband mit Erster Binde (f), Rindsblase (h) und Zweiter Binde (i). Die Binden haben jeweils 2 Köpfe.
Fabricius Hildanus beschreibt den Verband und den Umgang mit der Rinderblase ausführlich (1). Nach dem Kauterisieren des Stumpfes wird das Band der Blutsperre gelöst. Auf die Amputationswunde kommt ein Flachsbausch, der vorher mit geschlagenem Eiweiß und dick mit dem blutstillenden Puder versehen wurde, zu liegen. Dann folgt das Anlegen der Rinderblase. Der obere Teil, an dem die Blase aufgeschnitten ist, bleibt trocken, der untere wird mit Oxycratum erweicht und wie ein Handschuh fest anliegend über den Stumpf gezogen. Anschließend kommt die Bandagierung. „Wenn etwa eine Ader wieder aufgehen sollte, so hindert doch die Blase, daß viel Blut austreten kann, sofern die Binden und die übrigen Kompressen genau angelegt sind“.

Schlusswort
Allein die Betrachtung des Verbandstisches vermittelt einen tiefen Einblick in die Geschichte der Chirurgie des 17. Jahrhunderts. Die Arzneimittel standen ganz unter der Lehre Similia similibus curantur, Ähnliches heilt man mit Ähnlichem. Die blutstillenden Pulver und Salben enthielten gerinnende, klebende und rotgefärbte Bestandteile, weil sie der Blutungsgefahr und der Infektion entgegen wirken sollten. Noch heute wird ja in manchen Gegenden die Rote Beete gegessen, um die Blutbildung anzuregen.
Amputationsmethoden der Hand und Finger des Joannis Scultetus Ulmensis
Über den berühmten chirurgischen Kollegen Scultetus soll ein anderes Mal die Rede sein. Seine Operationsmethoden der Finger- und der Handamputationen durch die Zange und das Beil wurden schon zu seiner Zeit wegen der Erzeugung von Quetschwunden kritisiert. Aber wie viel Operationszeit und Schmerzen mag Scultetus dem Patienten damit eingespart haben!

Literaturverzeichnis

1. Fabry von Hilden W (1603). Vom heissen und kalten Brand. Hintzsche E (1965) Bearbeitung der 2. Deutschen Ausgabe als Reprint. Huber. Bern, Stuttgart S 117-141

2. Hach W (1991) De Modo Varices Sectione Curandi. Die Krampfaderoperation des Joannis Scultetus anno 1665. Angio 13: 73-6

3. Scultetus Joannes D Ulmensis (1666). Armamentarium chirurgicum bepartitum.
Gerlin. Francofurt. S 120-2

4. Scultetus Joannes D (1666). Wund=Artzneyisches Zeug=Hauß In Zween Theil abgetheilt. Übersetzung durch D. Amadeus Megerlin. Gerlin. Franckfurt. S 200-4

5. Wirsung C (1588). Ein new Arztney Buch darinn fast alle eußerliche unnd innerliche Glieder deß menschlichen Leibs, sampt ihren Kranckheiten und Gebrechen...und wie man dieselben auff mancherley weiß wenden und curieren soll. Harnisch. Newstatt an der Hardt


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