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Publikation: Phlebologie 2007

Johann Wolfgang von Goethe (1749 –1832) und „seine“ Medizin*

Von Wolfgang Hach


Goethes Krankheiten werden seit 200 Jahren immer wieder durchleuchtet und aus Sicht der jeweiligen Zeitepoche und des wissenschaftlichen Fortschritts aufs neue dargestellt. Als einer der ersten nach Dr. Vogel, der Goethe als Hausarzt in den letzten Stunden seines Lebens beistehen durfte, hat sich der berühmte Leipziger Neurologe Paul Julius Moebius (1853-1907) schon 1898 des Themas angenommen (10). Heute stehen für die aktuelle Betrachtung eine Vielzahl von literarischen Quellen zur Verfügung (2, 6, 11, 16 ,17, 18, 21).

„Was mit mir das Schicksal gewollt?“ (19)
 
Aus Dichtung und Wahrheit, der Selbstbiographie des alternden Goethe, sind viele Einzelheiten seiner Krankheitsgeschichte bekannt. Das beginnt gleich mit den Komplikationen bei seiner Geburt, denn – so schrieb er – „durch die Ungeschicklichkeit der Hebamme kam ich für tot auf die Welt, und nur durch vielfache Bemühungen brachte man es dahin, daß ich das Licht erblickte" (20). Vielleicht war das einer der Anlässe dafür, dass Goethe später als Minister in Weimar den Bau des ersten Accouchier-Hospital, eine Frauenklinik, an der Universität Jena protegiert hat (17).
Er überstand als Kind die Pocken, die Masern, die Windblattern und andere Krankheiten. Überhaupt war er ein kränkelndes Kind. Aber Frank Nager, der Züricher Professor für Kardiologie, beurteilte die medizinische Situation Goethes viel ernsthafter: „Goethes Biographie ist im Grunde genommen eine aufwühlende Pathographie. Schritt auf Tritt entdecken wir hinter der olympischen Fassade den schlechthinnigen Homo patiens. Ein über Jahrhunderte gründlich verfälschtes Heroenbild verbirgt einen Leidgeübten, dessen meisterhaft gelungenes Leben durch eine schicksalshafte Verflochtenheit mit Krankheit geprägt ist" (11). Und über sich selbst schrieb Goethe, „Schon von Hause hatte ich einen gewissen hypochondrischen Zug mitgebracht, der sich in dem neuen sitzenden und schleichenden Leben eher verstärkte als verschwächte" (20). Manches wird auch dem Einfluss einer Freundin und Base seiner Mutter, der Susanna Katharina von Klettenberg, nachgesagt, die allerlei alchimistisches und okkultes Wissen in die Familie Goethe hineintrug. (6, 23)
Goethe litt während seines ganzen Lebens an verschiedenen akuten und chronisch-rezidivierenden Krankheiten

Tab 1.
Goethes Krankheiten (nach 19)
Episodische Krankheiten
Lebensbedrohliche Risikogeburt
Masern, Windpocken und Pocken („Quälgeister der Jugend")
Häufig Halsentzündungen und „catarrhalische Fieber"
„Hypochondrie" und depressive Verstimmungen
Lebensbedrohliche Blutstürze 1758 (Magenblutung) und 1830 (Lungenblutung?)
Häufig Nierenkoliken
Phasenweise Alkoholprobleme

Alterskrankheiten
Koronare Herzkrankheit mit Angina pectoris
Herzinfarkte 1830 und 1832 (zuletzt Tod durch Lungenödem)
Hirndurchblutungsstörungen mit Schwindel und nachlassendem Neu-Gedächnis
Hartnäckige Obstipationen
Vereiterte Zähne
Rheumatische Beschwerden
Gicht (?)

Im 19. Lebensjahr, während seiner Zeit als Jurastudent in Leipzig, trat ein Blutsturz auf. Es muss sich um eine durchaus lebensbedrohliche Situation gehandelt haben. Goethe schrieb darüber: „Eines Nachts wachte ich mit einem heftigen Blutsturz auf, und hatte noch so viel Kraft und Besinnung, meinen Stubennachbar zu wecken. Doktor Reichel wurde gerufen, und so schwankte ich mehrere Tage zwischen Leben und Tod" (20). Bei der Interpretation dieser „Leipziger Krankheit" wurde zunächst an eine kavernöse Lungentuberkulose gedacht. Dafür sprach auch, dass gleichzeitig eine Geschwulst am Hals, vielleicht ein tuberkulöser Lymphknoten, aufgetreten war, der dann 1768 - nach seiner Rückkehr ins Frankfurter Elternhaus - operiert wurde. Aber von einer kavernösen Tbc hätte sich Goethe nicht wieder erholt, diese Krankheit verlief damals tödlich. Ich glaube mit Frank Nager eher an eine Magenblutung, an ein Ulcus ventriculi oder duodeni. Goethes Studentenleben verlief offenbar recht aufreibend. Ursachen dafür waren das schwere Merseburger Bier in der Burschenschaft, der viele Kaffee und vor allem die eifersüchtige Bindung an Käthchen Schönkopf, die junge Tochter eines gastfreundlichen Zinngießers (Abb. 1) (6). Dazu kamen in Leipzig noch andere erotische Abenteuer, die bei ihm die Ängste einer venerischen Infektion ausgelöst haben - glücklicherweise aber unbegründet (1, 3).
Abb. 1 "Käthchen". Anna Katharina Schönkopf, die 16-jährige Tochter eines Zinngießers in Leipzig, der einen Mittagstisch für Studenten und Akademiker unterhielt. Liebesbeziehung zu Goethe von 1768 mit vielen belastende Eifersüchtelei von Seiten des Jungen Jura-Studenten. Stahlstisch von A. Hüsener

Nach der Leipziger Krankheit erholte sich Goethe lange Zeit im Elternhause und studierte dann in Straßburg weiter. An der Universität kam er ständig mit Medizinstudenten zusammen. Er belegte auch die Fächer Anatomie, Pathologie, Chirurgie und Gynäkologie. Der medizinische Unterricht erfolgte bereits auf moderne Weise nach den Vorgaben des holländischen Arztes Hermann Boerhaave (1668-1738) am Krankenbett (4). Hier sammelte Goethe seine Anregungen für die Anlegung einer Schädelsammlung und die Erforschung des menschlichen Zwischenkiefers sowie für die Farbenlehre und die botanischen Metamorphosen (15).

Nachdem Goethe dann 1775, also in seinem 26. Lebensjahr, für immer nach Weimar an den Hof von Carl August umgezogen war, suchte er ständig den Kontakt zu seinen Ärzten, um alle Probleme der Medizin mit ihnen zu diskutieren. Zu diesem Kreis gehörten vor allem sein Freund Christian Wilhelm von Hufeland (1762-1836), Honorarprofessor in Jena und Leibarzt am Weimarer Hof, später am Königlichen Hof in Berlin, Dr. Wilhelm Rehbein (1776-1825), Hofmedicus und Hofrath in Weimar sowie Dr. Carl Vogel (1798-1864), Großherzoglicher Sächsischer Hofrath und Leibarzt zu Weimar (2).
Die Medizin befand sich während des 18. und 19. Jahrhunderts in einem großen Umbruch. Die Lehre vom Vitalismus nahm für alle Zustände des Lebens ein besonderes Lebensprinzip als Ursache an, das Principium vitale. Zu den modernen Theorien gehörten vor allem die Makrobiotik von Christian Hufeland, der Mesmerismus und die Homöopathie (4). Hufeland hatte das berühmteste Buch dieser Zeit geschrieben: Die Kunst, das menschliche Leben zu verlängern. Sein Konzept der Makrobiotik teilte Hufeland in zwei Teile ein, in die Vermeidung von Verkürzungsmitteln und den Gebrauch von Verlängerungsmitteln des Lebens (8). Goethe machte sich seine eigenen Gedanken zur Medizin, und eine diesbezügliche Zusammenstellung gleicht der Hufeland´schen Makrobiotik in vielen Punkten

Tab. 2.
Verursachung von Krankheiten in Goethes Krankheitslehre
(nach 11)
Unordnung des Geistes
Innerer Stillstand und Sinn-Entfremdung
Schwere seelische Verluste
Erschütterung durch heftige Leidenschaften
Menschenfeindliche Gesinnung
Narzistische Selbstbespiegelung
Lebensfeindliche Ausstrahlung von morbiden Naturen


(13). Krankheiten sind keineswegs ein nutzloses Geschehen: Das Kranksein war für Goethe als Systole zwar schmerzlich, aber heilsam, und die Diastole der Genesung führte zu einer besseren Gesundheit (11).

„Liebe, Liebe, lass mich los“

In seinen Verhältnissen zu den Frauen sehen sowohl die literarischen als auch die psychologische Interpreten seines Lebens den Ursprung und die Kraft seiner Dichtkunst. Nach der Trennung von einer Geliebten ist Goethe jeweils in tiefe Depressionen gestürzt. Aber er hat sich aus diesen Einbrüchen des Lebens immer wieder selbst herausgezogen, entweder durch harte Arbeit oder durch längere Reisen.

Goethes erste große Liebe gehörte Friederike Brion, der Pfarrerstochter im Elsässischen Sesenheim. Er war 21, sie gerade 18 Jahre alt. Die Liebesgeschichte in einer romantischen Landschaft mit verträumten Wäldern, darüber die Burgen am Ufer des nahen Rheins, wurde in der Poesie oftmals nachempfunden. Bald galt das Paar als verlobt. Für Friederike dichtete Goethe (7, 19):

O Mädchen, Mädchen,
Wie lieb ich dich!
Wie leuchtet dein Auge,
Wie liebst du mich.

Er hat Friederike schließlich verlassen, doch sie blieb ihm bis zu ihrem Tode treu und starb in Armut. Goethe konnte sie sein Leben lang nicht vergessen. Er hat auch immer wieder einmal von ihr gehört. Sie wurde das Gretchen im Faust, jedoch sehen das andere Interpreten auch anders (16).

Nachdem Goethe 1771 zum Lizentiaten der Rechte promoviert war, ging er im folgenden Jahr zu einem Praktikum an das Reichskammergericht nach Wetzlar. Hier verliebte er sich unsterblich in Charlotte Buff. Schon mit 15 Jahren war Charlotte dem Gesandschaftssekretär Johann Christian Kestner versprochen worden und später mit ihm verheiratet (6, 16). Kestner stand zwar mit Goethe in einem freundschaftlichen Verhältnis, bat ihn schließlich jedoch, die häufigen Besuche bei seiner Frau für eine Zeit auszusetzen. Goethe zog sich daraufhin tief betroffen nach Frankfurt zurück und schrieb in seinem Arbeitsstübchen unter dem Dach des Elternhauses Die Leiden des jungen Werther´s. Hierin wurde Lotte, wie er sie nannte, auf alle Zeiten verewigt (Abb. 2).
Abb. 2 Portrait von Lotte (oben) sowie Goethe und Lotte mit ihren 11 Geschwistern, die sie nach dem frühen Tod der Mutter versorgen musste (unten). Titelseite von Werther´s Leiden. Kupferstich von D. Berger zur himburgischen Ausgabe 1775


Ähnlich verlief die Liebesbeziehung 1775 mit der 16-jährigen Anna Elisabeth Schönemann in Frankfurt am Main, der reichen Bankierstochter. An Lili war das Gedicht Neue Liebe, neues Leben gerichtet (16, 20):

Und an diesem Zauberfädchen,
Das sich nicht zerreißen läßt,
Hält das liebe lose Mädchen
Mich so wider Willen fest.
Muß in ihrem Zauberkreise
Leben nun auf ihre Weise;
Die Verändrung, ach, wie groß!
Liebe, Liebe lass mich los.

Aber die Familie Schönemann drängte auf die Trennung des Liebespaares, und in Goethes niedergeschlagener Schaffensphase fand sich Lili in der Iphigenie auf Tauris wieder (16).

Siegfried Schütt sah in seinem Buch Goethe und die Frauen das immerwährende Auf und Ab zwischen Liebesfreuden und Liebesleiden den wesentlichen Stimulus zu Goethes Poesie (16). Aber auch das Amt als Minister am Kurfürstlichen Hof in Weimar nahm den Dichter in Anspruch. Außerdem blieb er als Wanderer, Reiter, Eisläufer, Schwimmer und Bergsteiger sportlich sehr aktiv (11). Der Medizinhistoriker Heinrich Schipperges hat Goethes „Kunst zu leben“, näher analysiert (14). Zu den Begriffen Hygiene und Diäthetik gehörten ein kultivierter Umgang mit der Umwelt, aber auch mit den menschlichen Leidenschaften und Freundschaften. Bei der Pflege von Speise und Trank bleibt zu bemerken, dass Goethe in den späteren Lebensjahren dem Wein recht zugeneigt war. Die erste Flasche hatte er oft schon zum Frühstück geleert (23). Auch seine Ehefrau Christiane und sein Sohn August sollen bereits als Alkoholiker zu bezeichnen gewesen sein (11).

„Eines Menschen Leben, was ist´s?“

In den älteren Lebensjahren wurde Goethe von verschiedenen Krankheiten geplagt. Dazu gehörten vor allem rheumatische Beschwerden und die Gicht, Obstipationen und über Jahre hinweg heftige Nierenkoliken. Von 1785 bis 1823 fuhr er deshalb jährlich zu einer Badekur, anfangs in der Hauptsache nach Karlsbad, dann nach Marienbad. Vom Marienbäder Kreuzbrunnen ließ er sich die Flaschen kistenweise nach Weimar schicken. Er hatte vor allen Krankheiten eine entsetzliche Angst und rief seinen Arzt bei den geringsten Symptomen herbei. Der Frankfurter Medizinhistoriker Helmut Siefert (17, 18) und andere Experten (5) bezeichneten ihn als einen Hypochonder. Vor dem Tod hatte Goethe keine Angst, wohl aber vor einem qualvollen Sterben. >Melius est ad summum, quam in summo< : Auf dem höchstem Punkt kann man weder verharren noch sich weiter steigern, dem Gesunden drohen also zwangsläufig Rückschläge und Krankheit (2).

Den Phlebologen interessiert, dass Goethe 1817 an einem Ulcus cruris links erkrankte. Er schrieb: „Da blieb mir nun nichts übrig, als zu warten. Indessen hat ein von Serenissimo (Herzog Carl August) höchstselbst verordneter Schnürstrumpf Wunder getan, und wenn sich das Übel so fort und fort vermindert, so werde ich´s gar bald los“. Im Jahre 1831 trat auch ein Geschwür am rechten Bein auf (23).

Über die letzten Jahre des großen Dichters wissen wir genau Bescheid. Goethes behandelnde Arzt, Dr. Carl Vogel, hat die Krankengeschichte in einem kleinen Buch veröffentlicht. Vogel nannte sich Großherzoglicher Sächsischer Hofrat und Leibarzt zu Weimar (Abb. 3). Er genoss das volle Vertrauen seines berühmten Patienten (2, 22). Die ärztliche Kunst in dieser Zeit bestand vor allem in der Korrektur von Zuständen des Überschusses oder des Mangels im Körper durch die Verabreichung kleinster Arzneimengen. Goethe sprach stark auf Arzneimittel an. Wegen seiner Vollblütigkeit wurden auch häufig Aderlässe vorgenommen (2). Immer wieder einmal traten Anfälle von Angina pectoris auf (23).

Abb. 3 Dr. Carl Vogel, Goethes letzter Hausarzt. Kreidezeichnung von Johann Joseph Schmeller anno 1826 (Schmeller-Album)

Am 10. November 1830 erhielt Goethe die Nachricht vom Tod seines geliebten Sohnes August in Rom und verfiel in eine schwere Depression. Zwei Wochen später, am 25. November 1830, erlitt er einen heftigen Lungenblutsturz, erholte sich davon aber wieder mit der Zeit. In den Wintermonaten hatte er häufig mit Erkältungen zu tun (23).

Das hohe Lebensalter war jedoch nicht mehr zu übersehen, und Dr. Vogel beschrieb die gesundheitliche Situation: „Stellten sich auch, wie einer unbefangenen Beobachtung nicht wohl entgehen mochte, Schwächen des Alters, besonders Steifheit der Gliedmaßen, Mangel an Gedächnis für die nächste Vergangenheit, zeitweise Unfähigkeit, das Gegebene in jedem Augenblicke mit Klarheit schnell zu übersehen und Schwerhörigkeit bei ihm immer merklicher ein, so genoß er doch – und zumal im Vergleich mit andern Greisen seines Alters - noch einer solchen Fülle von Geistes- und Körperkraft, daß man sich der frohen Hoffnung, er werde uns noch lange durch seine Gegenwart erfreuen, mit Zuversicht hingeben durfte“ (Abb. 4) (23).
Abb.4 Johann Wolfgang von Goethe anno 1832. Gravur nach einer Zeichnung von K.A.Schwerdgeburth












„O sähst du, voller Mondenschein, Zum letztenmal auf meine Pein“


Jeden Vormittag um 9°° machte Dr. Vogel seinen Hausbesuch bei Goethe (22). Dann kam der 16. Mai 1832. An jenem Freitag wurde er schon um 8°° gerufen. Er fand Goethe schlafend im Bette. Nur halb erwacht berichtete der Patient, er habe sich schon gestern nach einer Spazierfahrt bei windigem, kalten Wetter unbehaglich gefühlt. Der Appetit war schlecht, er sei zeitig ins Bett gegangen und habe die Nacht schlecht geschlafen. Es traten „ein trockener, kurzer Husten, mit Frösten abwechselnde Hitze und unangenehme Schmerzen in den äußern Theilen der Brust“ auf. Dr. Vogel nahm eine Erkältung an, die sich Goethe „beim Herübergehen aus dem sehr stark aufgeheiztem Arbeitszimmer über den kalten Flur in das Gesellschaftszimmer“ zugezogen hat

Der Arzt beurteilte die klinische Situation folgendermaßen. „Vor allem frappirte mich der matte Blick und die Trägheit der sonst immer hellen und mit eigenthümlicher Lebhaftigkeit beweglichen Augen, so wie die ziemlich starke, ins Livide fallende Röthe der Bindehaut der untern Augenlider. Der Athem war fast ruhig, nur durch trocknen Husten und tiefe Seufzer öfters unterbrochen, die Stimme etwas heiser. Willkührliches kräftiges Ein- und Ausatmen ging zwar mühsam von Statten, vermehrte aber den erwähnten Schmerz auf der Brust in keiner Weise. Der ganze Unterleib, vorzüglich die epigastrische Gegend war aufgetrieben und gegen äußern Druck empfindlich, der Stuhlgang mangelte seit zwei Tagen. Die Haut war trocken, mäßig warm, der Urin lehmig , der Puls weich, mäßig voll, wenig frequent. Ferner das ganze eigne resignirte Wesen, welches bei Goethe .anstelle des früher gewöhnlichen aufbrausenden Unmuthes getreten war und sich häufig in den Worten aussprach: >Wenn man kein Recht mehr hat, zu leben, so muß man sich gefallen lassen, wie man lebt<“

Die kardiale Symptomatik eines Herzinfarkts mit Bradykardie, Zyanose und Hypotonie stand also im Vordergrund. Der Urin war hochgestellt und enthielt wohl Ziegelmehl. Der Patient befand sich außerdem in einer Depression.

Dr. Vogel fand die Situation immerhin so beeindruckend, dass er der Frau Großherzogin die schriftliche Meldung über ein Catarrhalfieber erstattete, das ihm bedenklich vorkommt. Es wurden Salmiak und einige Quentchen Bittersalz verordnet, außerdem Graupenschleim, mit Wasser zubereitet, zum Getränk.

Am Abend dieses 16. Mai fühlte sich „der Kranke nach mehreren, reichlichen, breiartigen Stuhlgängen sehr erleichtert. Sein Kopf war freier, das Gemüth heiterer, der Blick lebhafter, der Unterleib weicher. Das Fieber blieb vom Anfang an sehr mäßig. Es wurden Pulver von Goldschwefel und Zucker verschrieben.“

Goldschwefel (Antimonpentasulfid = Stibium sulfuratum aurantiacum), ein orangerotes unlösliches Pulver, wurde, wie auch Salmiak, als Exspektorans verordnet. Bittersalz ist ein Abführmittel (9).

Am nächsten Morgen, es war Samstag, der 17. Mai 1832, ging es Goethe wesentlich besser. Im Vordergrund stand noch die Appetitlosigkeit. Goldschwefel wurde weiter alle 3 Stunden verordnet. Der Graupenschleim durfte schon mit schwacher Fleischbrühe zubereitet werden. Mittags und abends war Goethe wieder zu Scherzen aufgelegt. Auch die folgende Nacht zum Sonntag verlief gut, er hatte einen „siebenstündigen, ruhigen Schlaf und eine heilsame Transpiration mit leichtem Auswurf“. Mittags aß er etwas Fisch und Braten und trank dazu einen Würzburger Tischwein. Am Abend ließ er sich ausführlich die Herstellung und die Wirkungsweise des Goldschwefels erklären.

Auch die folgenden zwei Tage waren unauffällig. Aber Goethe setzte sein Testament auf. Die Todeskrankheit begann in der Nacht vom Montag auf Dienstag, den 20. Mai 1832. Gegen Mitternacht erwachte Goethe mit einer am Körper aufsteigenden Kälte. „Zum Frost gesellte sich bald herumziehender, reißender Schmerz, der, in den Gliedmaßen seinen Anfang nehmend, binnen kurzer Zeit die äußern Theile der Brust gleichfalls ergriff, und Beklemmung des Athems, so wie große Angst und Unruhe herbeiführte. Daneben häufiger, schmerzhafter Drang zum Urinlassen. Der sparsam ausgeleerte Harn wasserhell“.

Die Anfälle wurden zwar immer heftiger, Goethe erlaubte aber erst am Morgen gegen ½9°°, Dr. Vogel zu rufen. „Ein jammervoller Anblick erwartete mich! Fürchterlichste Angst und Unruhe trieben den hochbejahrten Greis mit jagender Hast bald ins Bett, wo er durch jeden Augenblick veränderte Lage Linderung zu erlangen vergeblich suchte, bald auf den neben dem Bette stehenden Lehnstuhl. Die Zähne klapperten ihm vor Frost. Der Schmerz, welcher sich mehr und mehr auf der Brust festsetzte, preßte dem Gefolterten bald Stöhnen, bald lautes Geschrei aus. Die Gesichtszüge waren verzerrt, das Antlitz aschgrau, die Augen tief in ihre livide Höhlen gesunken, matt, trübe; der Blick drückte die gräßlichste Todesangst aus. Der ganze eiskalte Körper triefte von Schweiß, den ungemein häufigen, schnellen und härtlichen Puls konnte man kaum noch fühlen, der Unterleib war sehr aufgetrieben; der Durst quaalvoll. Mühsam einzeln ausgestoßene Worte gaben die Besorgniß zu erkennen, es möchte wieder ein Lungenblutsturz auf dem Wege seyn“.
Es bestand ein kardialer Schockzustand infolge akuten Linksherzversagens. Auch heute verläuft die Krankheit trotz Intensivmedizin in der Regel rapid progredient und endet tödlich, wenn nicht die Möglichkeit einer notfallmäßigen chirurgischen Therapie gegeben ist. Der wasserhelle Urin ist ein Hinweis auf die polyurische Phase des akuten Nierenversagens infolge der ADH-resistenten Störung des Konzentrationsvermögens der Nieren.

Dr. Vogel musste mit der Situation umgehen. „Hier galt es schnelles und kräftiges Einschreiten. Nach anderthalbstündiger Anstrengung gelang es, vermöge reichlicher Gaben Baldrianäther und Liquor Ammonii anisatus, abwechselnd genommen mit heißem Thee aus Pfeffermünzkraut und Kamillenblüthen, durch Anwendung starker Meerrettigzüge auf die Brust und durch äußere Wärme die am meisten gefahrdrohenden Symptome zu beseitigen, alle Zufälle erträglich zu machen. Den im linken großen Brustmuskel übrigbleibenden fixen Schmerz hob ein auf die schmerzhafte Stelle gelegtes Spanisch-Fliegen-Pflaster“.

Der Liquor Ammonii anisatus (anisölhaltige Ammoniakflüssigkeit in Spiritus gelöst) wurde in der Dosierung von 30 Tropfen mehrmals täglich gegen einen gesunkenen Kräftezustand verordnet. Die lokale Anwendung von Meerrettig und der Spanischen Fliege dienten zur Ableitung der Herzschmerzen (9).

„Den fortdauernden brennenden Durst wurde mit einem lauen Getränke, aus schwachem Zimmtaufguß mit Zucker und Wein, zum Behagen des Leidenden befriedigt. Gegen Abend war kein besonders lästiger Zufall mehr vorhanden. Goethe sprach einiges mit Ruhe und Besonnenheit. Ich ließ einen kräftigen Baldrianaufguß mit Liquor Ammonii anisatus, alle zwei Stunden eine Eßlöffel voll, als Arznei nehmen. Gegen Morgen (es war Mittwoch, der 21. Mai) verbreitete sich mäßiger Schweiß über den ganzen Körper, das Athmen geschah ohne Hinderniß, die Stimmung war heiter. Mehrere, durch ein Lavement bewirkte, reichliche Stuhlgänge schafften noch mehr Erleichterung. Der Puls, genau gezählt, 92 Mal innerhalb einer Minute schlagend, zeigte sich ziemlich voll, gleichmäßig, weich. Der Urin ging selten, trübe, bräunlich und ohne Schmerzen ab“.

Am Vormittag verschlimmerte sich die Situation. „Um zwei Uhr Nachmittags erschien der Kranke hinfällig, mit triefendem Schweiße bedeckt, mit sehr kleinem, häufigem, weichem Pulse und kühlen Fingerspitzen. Die äußern Sinne versagten zuweilen ihren Dienst, es stellten sich Momente von Unbesinnlichkeit ein. Dann und wann ließ sich ein leises Rasseln in der Brust vernehmen“.

Infolge Linksversagens des Herzen kam zum Lungenödem im kardialen Schock. Die Auskultation und das Stethoskop waren seinerzeit noch nicht erfunden.

„Nach etlichen Gaben eines Decocto-Infusums von Arnica und Baldrian mit Kampher hob sich der Puls und wurde ein wenig härter. In die Finger kehrte Wärme zurück. Die Füße, durch Wärmflaschen geschützt, waren noch nicht wieder kalt geworden. Der Schweiß minderte sich“.

Infuse und Dekokte waren Aufgüsse bzw. Abkochungen, die in der Apotheke oder auch vom Arzt selbst an Ort und Stelle hergestellt wurden. Der gewöhnliche Kampfer oder Japankampfer kam als Stimulans bei Herzkrankheiten zur Anwendung (9).

„Bald aber gewannen alle Erscheinungen von neuem ein sehr bedenkliche Ansehen. Das Rasseln in der Brust verwandelte sich in lauteres Röcheln. Abends neun Uhr war der ganze Körper kalt, der Schweiß durch vielfache, meistens wollene Bekleidung und Bedeckung gedrungen. Die lichten Zwischenräume von Besinnung kamen weniger häufig und dauerten immer kürzere Zeit. Die Kälte wuchs, der Puls verlor sich fast ganz, das Antlitz wurde aschgrau. Sehr zäher, klebriger Schleim im Munde, gereichte zu großer Unbequemlichkeit, die Züge blieben ruhig. In seinem Lehnstuhl sitzend, das Haupt nach der linken Seite geneigt, antwortete Goethe noch zuweilen und immer deutlich auf die an ihn gerichteten Fragen, deren ich indessen, um jede, bloß die Sanftheit des unvermeidlichen Scheidens störende Aufregung zu verhüten, nur wenige zuließ“


„Die Sprache wurde immer mühsamer und undeutlicher. >Mehr Licht< sollen, während ich das Sterbezimmer verlassen hatte, die letzten Worte des Mannes gewesen seyn, dem Finsterniß in jeder Beziehung stets verhaßt war“. (Abb. 5).
Abb. 5 Goethes Sterbezimmer. Aquarell von Friedrich I.A. Germar
Inzwischen war Donnerstag, der 22. Mai, angebrochen. „Als später die Zunge den Gedanken ihren Dienst versagte, malte er, wie auch wohl früher, wenn irgend ein Gegenstand seinen Geist lebhaft beschäftigte, mit dem Zeigefinger der rechten Hand öfters Zeichen in die Luft, erst höher, mit abnehmenden Kräften immer tiefer, endlich auf die über seinem Schooß gebreitete Decke. Mit Bestimmtheit unterschied ich einigemal den Buchstaben W. und Interpunctionszeichen“.

„Um halb zwölf Uhr Mittags drückte sich der Sterbende bequem in die linke Ecke des Lehnstuhls, und es währte lange, ehe den Umstehenden einleuchten wollte, daß Goethe ihnen entrissen sey“.

„So machte ein ungemein sanfter Tod das Glücksmaaß eines reich begabten Daseyns voll“.

Literaturverzeichnis

1.   Adam, B. Die Strafe der Venus. Orbis. München 2001

 

2.   Bergdolt K. Nachwort. In: Vogel C. Die letzte Krankheit Goethe´s. Manutius. Heidelberg 1999

 

3.   Baus L. Johann Wolfgang Goethe – Ein „genialer“ Syphilitiker. Asclepios. Homburg Saar 2002

 

4.   Eckardt WU. Geschichte der Medizin. Springer. Berlin Heidelberg New York u.a. 2001

 

5.   Elsner, M. Als Patient war Goethe ein bekennender Hypochonder. Ärzte Zeitung 12.05.1999

 

6.   Göres J. Goethes Leben in Bilddokumenten. Beck. München 1982

 

7.   Hahn KH. Vermischte Gedichte. Faksimiles und Erstdrucke. Edition Leipzig 1984

 

8.   Hufeland C. Die Kunst, das menschliche Leben zu verlängern.

 

9.   Liljestrand G. Poulsson´s Lehrbuch der Pharmakologie. Hirzel. Leipzig 1944

 

10. Möbius PJ. In Pagel J. Biographisches Lexikon hervorragender Ärzte des neunzehnten Jahrhunderts. Urban u Schwarzenberg. Berlin Wien 1901

 

11. Nager F. Der heilkundige Dichter. Artemis. Zürich München 1990

 

12. Neumann-Adrian E u M. Goethe auf Reisen. Steiger. Augsburg 1998

 

13. Pfeiffer K. Medizin der Goethezeit. Böhlau. Köln Weimar Wien 2000

 

14. Schipperges H. Goethe – seine Kunst zu leben. Betrachtungen aus der Sicht eines Arztes. Knecht. Frankfurt/Main 1996

 

15. Schneckenburger S. Goethe und die Pflanzenwelt. Palmengarten. Frankfurt am Main 1999

 

16. Schütt S. Liebe, Liebe lass mich los. Goethe und die Frauen. Langen Müller. München 2001

 

17. Siefert H. Goethe und die Medizin. In Schmidt A, Grün HJ. Durchgeistete Natur. Lang. Frankfurt am Main Berlin Bern Brüxelles New York Wien 2000. S. 241-9

 

18. Siefert. H. Goethe als Patient: Krankheit und Lebensgeschichte. Forschung Frankfurt 1999; 17: 38-43

 

19. Trunz E. Goethes Werke. Hamburger Ausgabe. 12. Aufl. Bd 1 Gedichte und Epen. Beck. München 1981

 

20. Trunz E. Goethes Werke. Hamburger Ausgabe. 12. Aufl. Bd 9 Autobiographische Schriften I. Beck. München 1981

 

21. Veil WH. Goethe als Patient. Fischer. Jena 1939, 1963

 

22. Vogel C. Die letzte Krankheit Goethe´s. Manutius. Heidelberg 1999

 

23. Wenzel M. Goethe und die Medizin. Insel-Taschenbuch. Frankfurt Leipzig 1992

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