zur Liste | Literaturverzeichnis
In Böhme G. Die Frankfurter Gelehrtenrepublik.
Schulz-Kirchner. Idstein S 133-66

Paul Ehrlich und der Sieg über die Syphilis

von Wolfgang Hach


Paul Ehrlich gehört zu den ganz großen Forschern, denen die Menschheit den Sieg über die Seuchen zu verdanken hat. Mit der Erfindung von Salvarsan war erstmals die Heilung der Syphilis möglich geworden. Heute kann sich niemand von dem furchtbaren Verlauf der Krankheit eine Vorstellung machen. Der Patient mußte ein jahrelanges Martyrium überstehen, bevor ihn der Tod erlöste.

Die Syphilis wurde von Kolumbus und seiner Schiffsbesatzung aus Westindien nach Spanien eingeschleppt. Die Krankheit verbreitete sich explosionsartig über Europa und drang in allen Gesellschaftsschichten ein. Für die größte Verbreitung sorgten die Kriegszüge mit ihren Greueltaten. Aber auch die Prostitution und das freizügige Leben an den Höfen trugen dazu bei. Die Behandlung mit Quecksilberpräparaten und die Schwitzkuren waren heroisch.

Nach der Entdeckung der Spirochaeta pallida und der Wassermann´schen Reaktion setzten intensive Forschungen zur Therapie ein. Ehrlich hatte das Konzept der Seitenkettentheorie aus der Farbstoffchemie abgeleitet. Das führte schließlich zur systematischen Bearbeitung von Arsenverbindungen. Im Königlichen Instituts für experimentelle Therapie in Frankfurt am Main hatte Ehrlich optimale Bedingungen für die wissenschaftlichen Arbeit. Am 2. Juni 1909 wurde das Präparat 606 synthetisiert, Salvarsan. Paul Ehrlich wurde mit dem Nobelpreis ausgezeichnet.


Paul Ehrlich (1854-1915). Ordentlicher Professor an der Universität Frankfurt. Wirklicher Geheimrat mit dem Titel Exzellenz. Nobelpreisträger. Direktor des Königlichen Instituts für experimentelle Therapie und des Georg-Speyer-Hauses in Frankfurt am Main
Paul Ehrlich gehört mit Robert Koch, Louis Pasteur und Emil von Behring zu den ganz großen Forschern, denen die Menschheit den Sieg über die Seuchen zu verdanken hat. Die Pest und die Pocken haben bis vor 100 Jahren ganze Länder und Städte entvölkert, Kriege entschieden und ein unsägliches Leid über die Menschen gebracht.
Und noch eine Seuche versetzte die Menschen in Angst und Schrecken, wenn der Tod auch erst nach einem jahrelangen furchtbaren Krankheitsverlauf eintrat, die Syphilis. Wenn Paul Ehrlich den Nobelpreis 1908 verdient hat, dann ganz bestimmt wegen seiner späteren Erfindung der Chemotherapie, wegen der Erfindung von Salvarsan und damit die Beherrschung der Syphilis.

Um sich mit dem Leben und dem Lebenswerk von Paul Ehrlich zu befassen, muß der Blick zurück in die Mitte des 19. Jahrhunderts gerichtet werden. Damals begann die Medizin, sich in die Naturwissenschaften einzureihen.

Berlin als Hochburg der Medizin
Das Berlin des preußischen Staates entwickelte sich zu einer Hochburg der medizinischen Forschung und Lehre. Im Jahre 1891 entstand auf dem Gelände der Charité das Institut für Infektionskrankheiten unter der Leitung von Robert Koch (1843-1910). Es war die Zeit der Entdeckung vieler Bakterien als Krankheitsursache bei Mensch und Tier, der Entdeckung von Milzbrand, Cholera, Typhus, Pest, Tetanus, Diphtherie und Tuberkulose. Von einer anderen Volksseuche, die unendliches großes Leid über die Menschheit gebracht hat, wurde weniger spektakulär berichtet, von der Syphilis. Sie versetzte die Bürger und Bürgerinnen wahrhaft in Angst und Schrecken. Heute kann sich niemand mehr von dem furchtbaren Krankheitsverlauf eine Vorstellung machen. Der Patient mußte ein jahrelanges Martyrium überstehen, bevor ihn der Tod erlöste. Das bezeugt schon der zweite Name Lues, was schlicht Seuche bedeutet. Paul Ehrlich hat auf vielen Gebieten der Biochemie sehr erfolgreich gearbeitet. Wenn er 1908 den Nobelpreis verdient hat, dann ganz bestimmt wegen seiner Erfindung der Chemotherapie, wegen der Einführung von Salvarsan in die Medizin. Diese Forschungen um die Behandlung der Syphilis sollen hier in den Vordergrund gestellt werden, auch weil sie mit der Schaffenszeit von Ehrlich in Frankfurt am Main verbunden sind. Um überhaupt einen Eindruck zu erhalten, was Salvarsan für die Menschheit vor 100 Jahren bedeutet hat, muß die Kulturgeschichte der Syphilis in aller Kürze aufgezeigt werden.

Der Krankheitsverlauf der Syphilis
Die Syphilis ist eine Infektionskrankheit, die durch ein Bakterium, Treponema pallidum ausgelöst wird. Die Übertragung erfolgt hauptsächlich auf sexuellem Wege. Der weitere Verlauf erfolgt in drei Stadien. Nach der Inkubationszeit von etwa 3 Wochen tritt am Ort der Infektion ein Primäraffekt auf, ein kleines, wenig schmerzhaftes Geschwür. Im Sekundärstadium nach 6 Wochen überschwemmen die Bakterien den ganzen Körper und führen zu Fieber, Organentzündungen und einem Ausschlag an Haut und Schleimhäuten. Dann folgt eine jahrelange Zeit der Beschwerdefreiheit, bis im Tertiärstadium ein schweres Leiden auf den Patienten zukommt. Die Knochen und andere Organe werden durch Gummata, geschwürig aufbrechende Gewebsknoten, regelrecht zerfressen. Charakteristisch ist die schwere Erkrankung des Zentralnervensystems als Tabes dorsalis oder als Progressive Paralyse, die anfangs bei völlig erhaltenem Bewußtsein erlebt wird und dann zunehmend in die Demenz führt. So jedenfalls stellte sich der Krankheitsverlauf für Ehrlich vor 100 Jahren dar. Bis dahin aber hatte die Syphilis schon ihren Charakter im Laufe von 4 Jahrhunderten grundlegend verändert. Als sie vor 500 Jahren plötzlich bekannt wurde, muß sie noch viel schrecklicher gewesen sein.

Die Einschleppung der Syphilis
Im Altertum hat es zwar die Gonorrhoe und andere Geschlechtskrankheiten gegeben, aber nicht die Syphilis. Die Krankheit wurde von Kolumbus und seiner Schiffsbesatzung aus Westindien nach Spanien eingeschleppt. Wahrscheinlich haben sich die Seefahrer auf der Insel Haiti bei den eingeborenen Mädchen infiziert. Die Schiffe landeten am 15. März 1493 zuerst in Sevilla und dann am 4. Mai 1493 in Barcelona. Schon wenige Tage später dürften alle Bordelle dieser Region durchseucht gewesen sein.

Zu der schnellen Verbreitung der Krankheit in Europa führten aber andere Ereignisse. Am 1. September 1494 drang die französische Armee des Königs Karl VIII in Italien ein und rückte bis Neapel vor. Hier leisteten zwei zu Spanien gehörende Castelle den Franzosen erbitterten Widerstand. Das spanische Königshaus wollte seine Festungen durch spanische Hilfstruppen verstärken, die schnell auf dem Seewege herübergeschifft wurden. Als die belagerten Städte schließlich doch fielen, gaben sich die französischen Söldner Karls VIII den tollsten Ausschweifungen hin. Bald danach, 1494-95, brach explosionsartig eine unbekannte Seuche aus, die offensichtlich von den spanischen Söldnern über das Mittelmeer nach Neapel eingeschleppt worden war.

Die neue Krankheit begann mit heftigem Fieber und unerträglichen Gelenkschmerzen. Dann traten Geschwüre am ganzen Körper auf, die mit dem Aussatz verglichen wurden. Für die betroffenen Menschen setzte ein lebenslanges, schier unerträgliches Leiden ein, das viel schlimmer war als die Pest, die den Kranken ja schnell durch den Tod erlöst hat. Die Franzosen sprachen vom Mal de Naples, der neapolitanischen Krankheit, und die Italiener von Mal franzoso oder Mal gallico, der französischen Krankheit. König Karl VIII verließ Neapel fluchtartig. Sein Söldnerheer zerfiel, und die infizierten Landsknechte kehrten in ihre Heimatländer zurück. Unterwegs verbrachten sie die Nächte in Spiel- und Freudenhäusern, wenn sie nicht verjagt oder erschlagen wurden. Zwei Jahre später war Europa mit der Syphilis durchseucht, England durch die Malady of France, Deutschland durch die Franzosen-Krankheit, dem Morbus gallicus, Polen von der Deutschen Krankheit und Rußland von der Polnischen Krankheit. Und überall hinterließ sie die Menschen in einem schrecklichen Siechtum.

Im 16. Jahrhundert kam der Name Lues veneria = Lustseuche (Seuche der römischen Liebesgöttin Venus) auf. Der Ausdruck Syphilis stammt von dem Italiener Girolamo Fracastoro nach einem lateinisches Lehrgedicht des 16. Jahrhunderts, in dem die Geschichte des an der Lustseuche erkrankten Hirten Syphilus erzählt wird. Fracastoro hat bereits lebende und vermehrungsfähige Seminaria morbi als Ansteckungsstoff vermutet (2).

In einem mittelalterlichen Bericht heißt es über die Erkrankten: Sie waren vom Scheitel bis zu den Knien mit einer zusammenhängenden fürchterlichen schwarzen Art von Krätze überzogen und dadurch so abschreckend, daß sie von allen verlassen, sich in der Einsamkeit den Tod wünschten. Sehr vielen aber wuchsen im Gesicht an den Ohren und and der Nase dicke und rauhe Pusteln wie Zapfen oder kleine Hörner in die Höhe, die mit bestialischem Gestank aufbrachen (2).

Die Verbreitung der Syphilis über Europa
Schon um 1500 war der Infektionsweg der Syphilis über sexuelle Kontakte bekannt. Aber auch Bader und Wundärzte trugen erheblich zur Verbreitung der Seuche bei, denn ihre Instrumente, Schröpfköpfe und Aderlaßbestecke waren infiziert. Die gesellschaftliche Sitte des Badens verschwand in Europa völlig.

Für die größte Verbreitung der Syphilis sorgten die Kriegszüge mit ihren Greueltaten. Den Landsknechtheeren folgte immer ein Troß von Freudenmädchen, die alle infiziert waren. Wo das Heer hindurchzog, ob friedlich oder feindlich, hinterließ es bei den Frauen und Mädchen der Dörfer die grausamsten Spuren. Aber auch die Offiziere waren bei ihren Einquartierungen davon nicht ausgeschlossen. Leichtfertig bezeichneten sie die Rubeolen als Rubine und die Lues selbst als lustige Kranckheit (2).

Die Prostitution war in allen Städten Europas weit verbreitet, und die Bordelle galten als ein hauptsächlicher Ort der Übertragung. Sie wurden deshalb in Ulm 1531 und in Nürnberg 1562 geschlossen. Natürlich ließ sich eine solche Verordnung nicht lange aufrechterhalten.

Später wurde die Syphilis auch auf anderen Wegen übertragen, durch das Stillen der Kinder von infizierten Ammen und dann durch die Pockenschutzimpfung im
19. Jahrhundert. Damals gab es noch keine animale Lymphe als Impfstoff. In den Findelhäusern wurde von Arm zu Arm geimpft.

Die Hofkrankheit
Sehr schnell stieg die Lustseuche in die höchsten gesellschaftlichen Schichten auf und wurde als Hofkrankheit bezeichnet. Es erkrankten Päbste wie Alexander Borgia und Könige wie Heinrich VIII. Die Kinder von infizierten Adligen waren, wenn sie überhaupt die Geburt erlebten, oft syphilitisch. Zur Zeit des Sonnenkönigs Ludwig XIV (1638-1715) verlor sich der anstößige Charakter der Syphilisation am Hofe, denn schließlich hatten alle Hofdamen ses fleurs und die Herren ihre Kavaliersdelikte. Um den Haarverlust zu überdecken, wurde die Allongeperrücke zur Mode. Die Narben und Geschwüre an der Haut hat man hinter Spitzenjabots, eleganten Handschuhen, Schminke, Puder und Mouches versteckt. An den englischen und deutschen Höfen war es nicht anders. Als Drehscheibe der internationalen Verflechtung des europäischen Hochadels galt das Venedig des 17. Jahrhunderts mit seinem Karneval. Ein jeder reiste aus nah und fern an, und unter der Anonymität der Maskerade verbreitete sich die Infektion schnell weiter (2).

Die heroische Behandlung
Schon bei den Arabern und den alten Christen war die Behandlung von Hautkrankheiten mit Quecksilber bekannt. Auch bei der Syphilis des ausgehenden Mittelalters standen die schweren Hautveränderungen ganz im Vordergrund. Die Therapie mit Quecksilber war mehr als heroisch. Die Patienten wurden täglich ein- bis zweimal am ganzen Körper mit einer Quecksilbersalbe eingeschmiert und erhielten Sublimat-Tabletten. Dann mußten sie neben einem heißen Ofen extrem stark schwitzen. Die Kur dauerte bis zu 20 Tagen. Durch die reichliche Salivation erhoffte man eine Ausscheidung des syphilitischen Giftes. Heute wissen wir, der Speichelfluß war ein Symptom der Quecksilbervergiftung. Der Ritter Ulrich von Hutten hatte 11 Kuren durchgemacht und schrieb darüber: Sie salbten den Kranken ein, legten ihn aufs Bett in der Nähe des heißen Ofen und deckten ihn mit mehreren Decken zu, damit er in Schweiß gerate. Die Wirkung der Salbe war so stark, daß sie die Krankheit von der Oberfläche des Körpers in die Eingeweide trieb. In fast allen Fällen wurden Rachen, Zunge und Gaumen zu einem einzigen Geschwür, das Zahnfleisch geschwollen, die Zähne gelockert und der ununterbrochene Speichelfluß von einem Gestank, schlimmer als faulendes Aas. Diese Art der Behandlung war so grausam, daß viele es vorzogen, eher zu sterben, als auf diese Weise kuriert zu werden. Das Zimmer, in dem der Kranke lag, durfte trotz der starken Überhitzung nicht geöffnet werden. Besonders im Sommer ließ sich die Situation kaum aushalten. Die Lagerstatt bestand aus einfachem Stroh, und der Fußboden war mit Schleim und Speichel bedeckt (2). Mancher Patient ist an Nierenentzündung oder Anämie gestorben, den Symptomen der schweren Quecksilbervergiftung.

Anfangs waren es besonders Landsknechte, leichte Mädchen, Zuhälter und Vagabunden, die an der Syphilis erkrankten. Sie wurden wie die Leprakranken aus der Stadt gejagt oder mußten unter den Brücken ein elendes Dasein fristen. Kein Gastwirt durfte sie aufnehmen, kein Bader sie behandeln. Selbst Betteln war für sie verboten. Dann wurden spezielle Hospitäler gebaut, die Franzosen- und Warzenhäuser. Die Therapeuten waren ungebildete, brutale Barbierer, sodaß der Schwitzkasten zu einer quälenden Strafe wurde.

Spanischen Edelleute, die als Beamte auf Haiti lebten, berichteten, daß die Eingeborenen ihre Hautwarzen mit einem Trank aus dem Guaiak-Holz behandeln. Der Guaiak-Baum wächst in Mittelamerika. Der spanische Kaiser Maximilian veranlaßte den Import des Holzes als alternatives Heilmittel gegen die Syphillis, und bald entwickelte sich ein schwungvoller Handel mit dem Lignum sanctum, dem Heiligen- oder Franzosenholz oder Bockenholtz. Die Augsburger Bankiersfamilie der Fugger hat sich das Monopol gesichert und mit dem Handel ein riesiges Vermögen angesammelt. Die Kur war sehr teuer. Aber schon Paracelsus hat die Nutzlosigkeit erkannt und gegen die Holzhansen und den Holzmarkt mit drastischen Worten geschimpft.

Die Wandlung der Krankheitssymptomatik
Offenbar hat die Syphilis im Lauf der Jahrhunderte ihren Charakter geändert. Von der akuten, sehr schmerzhaften Seuche ging sie in eine mehr chronisch verlaufende Krankheit über. Die Hautveränderungen traten etwas in der Hintergrund. Dafür betraf die Symptomatik in zunehmendem Maße das Nervensystem. Der Zusammenhang zwischen der progressiven Paralyse und der Syphilis wurde erstmals durch Esmarch 1857 und für die Tabes dorsalis 1851 durch von Romberg begründet.

Die progressive Paralyse ist eine durch Trepanosomen hervorgerufene chronische Entzündung der Hirnrinde mit Zerstörung der Hirnzellen und intellektuellem Abbau, Veränderung der Persönlichkeit und zunehmender Demenz. Der berühmte Maler Alfred Rethel der italienische Komponist Gaétano Donizetti, Maupassant, Nietsche und Hugo Wolf haben daran gelitten.

Bei der Tabes dorsalis gehen die weißen Hinterstränge des Rückenmarks, des Nervus opticus und von sensiblen Hautnerven zugrunde. Typisch sind die lanzierenden, blitzartig in die Beine einschießenden Schmerzen und das unsichere, breitspurige Gangbild. Der Tastsinn ist verloren gegangen, und der Patient muß mit den Augen seine Bewegungen dirigieren. Später treten dann Lähmungen und die komplette Hilflosigkeit ein. Das Leiden zieht sich 15 bis 20 Jahre hin. Daran starben Albrecht von Wallenstein nach mehreren Quecksilberkuren (6), E.T.A. Hoffmann und auch Heinrich Heine (2).

Die ersten Entdeckungen
Die mikrobiologische Ära der Syphilis begann mit der Entdeckung von Nicolle 1902, daß die Krankheit entgegen der Lehrmeinung auf Makaken, eine Affenart, zu übertragen ist. Ein Jahr später,1903, gelang Metschnikoff und Roux in Paris dann die Einimpfung der Infektion bei Schimpansen.

Syphilis des Schädel, syphilitische Sattelnase. 19. Jahrhundert

 

Schließlich wurde der Erreger, die Spirochaeta pallida, 1905 von Dr. Richard Schaudinn (1871-1906) und Erich Hoffmann entdeckt.
Spirochaeta pallida im Ausstrich eines geschlossenen menschlichen Primäraffektes der Penishaut 6½ Wochen nach der Infektion (4)
Der Berliner Bakteriologe August von Wassermann (1866-1925) erfand 1906 eine für Syphiliskranke spezifische Reaktion im Blut, die Wassermannsche Reaktion. Zu diesem Zeitpunkt trat Paul Ehrlich in die Szene der großen Ärzte ein, die sich intensiv mit der Infektionskrankheit befaßten und nach Wegen der Heilung suchten.

Paul Ehrlich, die Jugendjahre
Paul Ehrlich wurde am 14. März 1854 in dem kleinen schlesischen Städtchen Strehlen, das südlich von Breslau liegt, geboren. Die Großeltern und auch die Eltern betrieben eine Likörfabrik. Die Familie war wohlhabend und angesehen. Das Abitur hat Ehrlich am St. Maria-Magdalena-Gymnasium in Breslau abgelegt. Er begann auch das Medizinstudium in Breslau. Sein älterer Vetter Carl Weigert war bereits als Arzt wissenschaftlich tätig. Er begeisterte ihn für Farben und für die Anfärbung von Zellen und Geweben. Weigert hat später die Färbetechnik in die Bakteriologie eingeführt. Die beiden Männer sollten später eine außerordentlich fruchtbare Zusammenarbeit eingehen. Und noch ein Zufall war für das zukünftige Leben wichtig: Bei einem Wechsel des Studienortes nach Straßburg kam Ehrlich in das Anatomische Institut des berühmten Professor Wilhelm von Waldeyer. Hier sah er wieder die Anfärbung der Zellen in den histologischen Präparaten und er durfte selbst mit Farben arbeiten. Nach dem Staatsexamen in Breslau begann die wissenschaftliche Laufbahn an der Charité in Berlin. Hier hat er auch 1883 seine Frau Hedwig Pinkus geheiratet, deren Eltern die größte Leinen- und Tuchfabrik in Schlesien hatten (1).

Die Berliner Jahre
Nach dem Staatsexamen 1878 fand Ehrlich sofort eine Anstellung an der Klinik für Innere Medizin der Charité. Sein Chef, der berühmte Professor Theodor Frerichs, hat das Konzept der Chemotherapie sofort akzeptiert und für Ehrlich ein komplettes Laboratorium eingerichtet. Acht wichtige Jahre der Forschung sollte Ehrlich hier an der Charité verbringen. Nach dem Tode von Frerichs folgte er dem Angebot von Robert Koch und ging an das Institut für Infektionskrankheiten in der Dorotheenstraße. Hier arbeitete er mit Emil von Behring zunächst am Projekt der Serumtherapie bei der Diphtherie bis zur erfolgreichen klinischen Anwendung. Die beiden Forscher fanden auch den Weg zur industriellen Herstellung des Diphtherie-Serums durch die Farbwerke Hoechst. Zu dieser Zeit begannen im Institut auch die Forschungen über Tuberkulin. Ehrlich zog sich 1890 dabei eine Lungentuberkulose zu. Robert Koch vermittelte ihm die Leitung der klinischen Beobachtungsstation für Tuberkulose am Moabiter Krankenhaus (5).

Im Jahre 1896 wurde Ehrlich zum Leiter des neu gegründeten Instituts für Serumforschung und Serumprüfung in Berlin-Steglitz ernannt, das aus einer Kontrollstation am Institut für Infektionskrankheiten hervorging. Es war nur ein Mini-Institut mit 2 kleinen Gebäuden, die zuvor als Bäckerei und als Scheune gedient hatten. Schon 1899 waren aber die Anforderungen so groß, dass ein neues Institut notwendig wurde, jetzt in Frankfurt am Main.

Umzug nach Frankfurt am Main
Frankfurt am Main gehörte damals zum Preußischen Staat, und Oberbürgermeister war Dr. Franz Adickes. Frankfurt hatte keine Universität. Adickes versuchte deshalb, wichtige wissenschaftliche Institute in der Stadt anzusiedeln. Sicher war die Nähe zu den Farbwerken Hoechst wichtig, weil dort bereits die industrielle Herstellung der Heilseren erfolgte. Das Königliche Institut für experimentelle Therapie in der Sandhofstraße 19 wurde am 8. November 1899 seiner Bestimmung übergeben.
Königliches Institut für experimentelle Therapie (Eröffnung am 8. November 1899) und Georg-Speyer-Haus (Eröffnung am 6. September 1906) in der Sandhofstrasse, Frankfurt am Main.
Zum Direktor wurde Paul Ehrlich berufen. Das Institut hatte die Überwachung aller der staatlichen Kontrolle unterstellten Heilsera und Impfstoffe vorzunehmen und die Forschung voranzutreiben. Weiterhin erhielt es eine Abteilung für Krebsforschung. Wenige Jahre später,1906, kam durch eine Stiftung das Chemotherapeutische Forschungsinstitut Georg-Speyer-Haus hinzu (5).

Von der Seitenkettentheorie zur Chemotherapie
Die ersten Überlegungen zu seiner berühmten Seitenkettentheorie stellte Ehrlich um 1885 an. Der Begriff stammt aus der Farbstoffchemie und besagt, daß am Benzolkern eine Seitenkette hängt, die eine hohe Reagibilität aufweist. Ehrlich postulierte, daß sich auch im lebenden Protoplasma der Zelle solche kleinen Zentren befinden, die Seitenketten tragen, an denen dann beispielsweise die Nährstoffe festgehalten werden. Als Behring das Diphtherie-Toxin und das Diphtherie-Antiserum entdeckt hatte, bot sich die Seitenkettentheorie bestens zur Erklärung an (1). In den Zellen sind bestimmte chemische Gruppen vorhanden, die zu dem Gift, dem Toxin, eine maximale Verwandtschaft haben. Später sprach Ehrlich von Rezeptoren, und das machen wir heute noch. Die Zelle bildet seiner Meinung nach immer mehr solcher Seitenketten nach, bis ein Überschuß entsteht, der dann in das Blut als Antikörper übertritt. Aber Antikörper gibt es nicht gegen alle chemischen Stoffe, sondern nur gegen Toxine und abgewandelte Toxine, die Toxoide. Wegen ihrer Spezifität sind die Antikörper gegen Toxine und Toxoide allen anderen Therapeutika überlegen. Die Erreger von bestimmten Krankheiten wie Malaria, Schlafkrankheit oder Syphilis lösen beim Menschen jedoch keine Antikörperbildung aus. Hier müssen chemische Mittel zu Hilfe kommen, an Stelle der Serumtherapie muß die Chemotherapie treten.

Ehrlich kehrte zu seinen Farbstoffen zurück, mit denen er schon als Student experimentiert hat. Er wußte, wenn Kaninchen verschiedene Farbstoffe eingespritzt erhielten, dann ließ sich nach der Sektion feststellen, daß manche Zellen und Zellkerne das sauer reagierende Rot, andere das alkalische Blau angezogen hatten. Ehrlich erklärte dieses Phänomen mit den Rezeptoren, an die spezielle chemische Gruppen des Farbstoffs, die Haptophoren, andocken. Zellen oder Bakterien färben sich dann an, wenn Rezeptoren und Haptophoren wie Schlüssel und Schloß zueinander passen. Corpora non agunt nisi fixata. Ehrlich kam auf den revolutionierenden Gedanken, auf diesem Weg auch Chemikalien an die Zellen oder Krankheitserreger heranzubringen, und damit für die Heilung auszunutzen. Die Grundgedanken für die Immunologie, Allergologie und Chemotherapie waren geboren.

Atoxyl
Über Trypanrot kam Ehrlich zu den Arsenverbindungen. Atoxyl gab es bereits, der Bakteriologe Thomas hat es 1905 entdeckt.
Chemische Formel von Atoxyl
Im Rattenversuch konnte es die Trepanosomen abtöten. Auch beim Menschen war es wirksam, führte aber zur Erblindung. Atoxyl heißt zwar nicht toxisch, das stimmt aber leider nicht.

Die Arsenverbindung Atoxyl l war der Ausgangspunkt für eine intensive Forschungsarbeit an Trypanosomen, dem Erreger der Schlafkrankheit. Im Georg-Speyer-Haus wurden Tausende von Mäusen infiziert und mit verschiedenen Derivaten der Grundsubstanz behandelt. Die Versuchsnummer 418, Arsenophenylglycin, hatte schließlich Erfolg. Sie tötet zwar die Trepanosomen ab, ließ sich aber nicht industriell herstellen. Schließlich wurde die Versuchsreihe erfolglos beendet (1).

Salvarsan
Dann trat Dr. Hata aus Tokio in das Georg-Speyer-Haus ein. Er hatte sich schon in Japan mit der Syphilis-Forschung befaßt. Ehrlich beauftragte ihn, die bekannten Arsenpräparate noch einmal auf ihre Wirksamkeit an großen Serien von Versuchstieren zu überprüfen. Am 2. Juni 1909 hatte der Chemiker Bertheim das Präparat 606 synthetisiert.
Chemische Formel von Salvarsan
Es wurde die berühmteste Präparatnummer der Welt. Hata verabreichte die Substanz Hühnern, die mit Spirillose infiziert waren. Die Bakterien wurden sofort abgetötet. Andere Spirochäten verursachen das Rückfallfieber des Menschen, auch hier sprach das Präparat auf die Infektion von Mäusen und Ratten sofort an. Am 8. Juni erfolgte dann der Versuch an der Spirochaeta pallida. Ein Kaninchen mit syphilitischer Hornhautentzündung wurde behandelt und schnell geheilt. Jetzt begannen umfangreiche gezielte Forschungsarbeiten zur Entwicklung eines Medikaments gegen die Syphilis 1, 3). Bald wurden die ersten Behandlungen an der Universitätshautklinik der Charité durchgeführt. Der Erfolg ließ sich am Verlauf der Wassermann´schen Reaktion kontrollieren. Am 1. Dezember 1909 trat Ehrlich auf dem Ärztlichen Fortbildungskongress in Berlin mit seinem Medikament gegen die Syphilis in die Öffentlichkeit. Die Großproduktion bei den Farbwerken Hoechst begann im folgenden Jahre. Natürlich gab es viele Rückschläge bei der Anwendung am Patienten. Vor allem war es schwer, Wasser für die Auflösung von pulverisiertem Salvarsan in der Praxis zu destillieren. Aber die Behandlung setzte sich durch.
Kasuistik aus dem Sanatorium für Hautkranke zu Heidelberg Dr. Sachs im Jahre 1910. 16-jähriges Mädchen vom Lande mit Syphilis im Tertiärstadium. Eine der ersten mit Salvarsan behandelten Patientinnen (3).
a. Zerstörung von Nase und Gaumen durch großes syphilitisches Gumma. Pestenzialischer jauchiger Gestank. Keine Sprache, nur inartikulierte Laute. Abmagerung. Anämie. Infektion vor 10 Jahren an einem syphilitischen Kind.
b. Ausheilung nach der Salvarsan-Behandlung. Sattelnase. Defekt im Gaumen, trotzdem Wiedererlernung der Sprache.
Auch bei der progressiven Paralyse und bei der Tabes dorsalis blieben die Erfolge nicht aus. Schon nach 1 Jahr waren 10 000 Kranke im Rahmen der Arzneimittelprüfung therapiert worden, und Mitte Dezember 1910 kam das Präparat unter dem Namen Salvarsan in den Handel.

Neosalvarsan
Nach dem großen Erfolg setzte sich Ehrlich nicht zur Ruhe. Er forschte mit seinem Team weiter, um die Eigenschaften des Präparates zu verbessern. Das gelang 1911 bei der Prüfsubstanz 914, die einen geringeren Arsengehalt, aber eine doppelt so starke Wirkung wie Salvarsan hatte. Dadurch ließen sich auch die Nebenwirkungen reduzieren. Das neue Mittel hieß Neosalvarsan. Es wurde von jetzt an in der ganzen Welt angewandt, um die Syphilis zu bekämpfen, bis es 4 Jahrzehnte später durch Penicillin abgelöst werden konnte.

Der Abschied
Paul Ehrlich erhielt viele Ehrungen und Auszeichnungen, den Nobelpreis, den Titel Wirklicher Geheimrat mit dem Prädikat Exzellenz und die Ehrenmitgliedschaft in mehreren wissenschaftlichen Gesellschaften. Zu seinem 60. Geburtstag sprach der berühmte Dermatologe und sein Freund Professor Albert Neisser aus Breslau die Laudatio. Er charakterisierte die Arbeit von Ehrlich folgendermaßen (1): Nicht aus Zufallsentdeckungen setzt sich Ehrlichs Lebenswerk zusammen, sondern mühevoller , auf ein vornherein ins Auge gefaßtes Ziel gerichteter ....Arbeit sind seine Erfolge zu danken.

Bald nach dem 60. Geburtstag erkrankte Ehrlich. Er wurde von dem Frankfurter Internisten Carl von Noorden behandelt. Viele seiner Freunde wie Robert Koch oder Carl Weigand waren gestorben. Sein Arzt machte Überarbeitung und das Rauchen der schweren Havanna-Zigarren für den schlechten Gesundheitszustand verantwortlich. Der Erste Weltkrieg brach aus. Ehrlich fuhr mit seiner Frau zu einer Kur nach Bad Homburg. Sein Befinden verschlechterte sich. Am 17. August 1915 bekam er nachts einen Herzanfall und dann ein Nierenversagen mit Urämie. Drei Tage später, am Nachmittag des 20. August 1915 ist er ruhig eingeschlafen. Schon vorher hatte er sich seine Grabstätte auf dem Jüdischen Friedhof in Frankfurt ausgesucht.

Literaturverzeichnis
Hauptwerke
1. Bäumler E (1997) Paul Ehrlich, Forscher für das Leben. Wötzel. Frankfurt
2. Winkle S (1997) Kulturgeschichte der Seuchen. Komet. Frechen. S 516-617

Literaturstellen
3. Ehrlich P (1912) Abhandlungen über Salvarsan. Bd II. Lehmann. München
4. Hoffmann E (1908) Atlas der ätiologischen und experimentellen Syphilisforschung. Springer. Berlin. Taf V
5. Kallmorgen W (1936) Siebenhundert Jahre Heilkunde in Frankfurt am Main. Diesterweg. Frankfurt am Main. S 177-9, 253-4

6. Lesný I (1991) Die Krankheiten der Mächtigen. Aufbau-Verlag. Berlin Weimar. S 198-204
7. Winau R (1987) Medizin in Berlin. De Gruyter. Berlin New York S 76-106


zum Anfang

zurück