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Die Probleme mit der Adipositas

Von Wolfgang Hach


Ach, wie schön war es doch in der Antike, und wie ansehnlich erschienen die Frauen und Jünglinge. Das badende Mädchen ist geradezu der Ausdruck innerer Musikalität. Und die Lieblinge der Götter, die jungen Helden wie der Diskuswerfer von Myron in Athen, sind rank und schlank. Mit Kraft und Ehrgeiz kämpften sie um Ruhm und Ehre. Und worum kämpft Deutschland? Sie sehen es in Abbildung 3!



Abb. 1 Badendes Mädchen. Griechische Skulptur










Abb. 2 Myrons Diskuswerfer. Griechische Skulptur in der Mitte des 5. Jhd.

So, jetzt haben sie gleich ihr Fett weg, die Dicken. Es fällt mir natürlich leicht, einen dicken Menschen, sei er noch Kind oder ist er erwachsen, als disziplinlos hinzustellen und alle seine Probleme einer hemmungslosen Fresslust zuzuschieben. Wie leicht kann ich gleich noch ein paar anzügliche Bemerkungen anbringen oder Witze reißen, um damit dann noch im höchsten Maße verletzend zu agieren. Ich darf das ja sagen, denn auch von meiner Familie ist die eine Hälfte ihr ganzes Leben lang schlank, die andere seit der Kindheit - wie man sagt - gut beleibt. Aber, es gibt noch einen Unterschied: Unsere Dicken haben stets und ständig gegen sich gekämpft, ohne Erfolg, und die Dünnen haben nie gekämpft, aber mit Erfolg. Das lässt sich in einem kleinen Reim zusammenfassen.

Die Klage des Adipösen
Bist du dünn, dann bist du´s eben,
Kannst essen, wann und was du willst.
Mit Schoko-Torten darfst du leben, 
denn nirgends wabbelts oder quillts

Bist du aber dick geboren,
nutzt kein Hungern, kein diäten.
Schon Luft und Wasser bringen Pfunde
und zerr´n an Knöpfen und an Nähten.

Alle Dicken sagen, sie könnten das alles nicht verstehen, denn sie äßen wirklich nicht mehr, als ihnen bekömmlich sei. Ich glaube das auch, denn bei der Adipositas spielen viele verschiedene Probleme eine mehr oder weniger führende Rolle, die letztendlich aber alle synergistisch zusammenwirken.

Abb. 3 Deutschlands Speckgürtel (Frankfurter Neue Presse)

Was ist das überhaupt, Adipositas?
Adipositas ist der Zustand einer erhöhten Fettzellmasse im Körper, von vermehrtem Fettgewebe. Bei der Bewertung spielt der Body-Mass-Index (BMI) eine große Rolle. Der Normalwert beträgt 19 bis 26 kg/m2. Die Schwelle zur Adipositas befindet sich bei BMI von 25, von da an nehmen die Herz- und Kreislaufkrankheiten zu. Ab dem BMI von 30 wird die Therapie notwendig.

Abb. 4 Berechnung des Body-Mass-Index (Renz-Polster-Krautzig-Braun:Basislehrbuch Innere Medizin)

Heute wird auch unterschieden zwischen dem weiblichen und dem männlichen Typ der Fettverteilung, dem gynäkoiden und dem androiden Typ. Der letztere hat seine Fettgewebsansammlungen besonders im Bauch und im subkutanen Bereich und ist in besonderem Maße mit Herz- und Gefäß-Komplikationen belastet. Die Fettzellen im Bauchraum können gespeicherte Fette offenbar leichter freigeben als an anderen Körperstellen.

Abb. 5 Androider Typ der Fettsucht (Renz-Polster-Krautzig-Braun:Basislehrbuch Innere Medizin)

Es gilt als bewiesen, dass Männer mit einem Hüftumfang von mehr als 102 cm und Frauen mit mehr als 88 cm öfter einen Herzinfarkt bekommen.

Was hat es mit der "Adipositas" auf sich?
In der Frühzeit der Menschheit, etwa vor 1 Million Jahren, war die Nahrungsversorgung der Menschen sehr unregelmäßig. Manchmal gab es monatelange Hungerperioden. Um die zu überleben, musste sich der Organismus in guten Zeiten die Energie für die schlechten Zeiten speichern. Das hat er so gemacht, indem er in die Fettzellen, die überall über den Körper verteilt sind, Fette (Trigyzeride) eingelagert hat. Bei Bedarf lässt sich diese Energie freisetzen und verbrauchen. Alle derartigen Stoffwechselvorgänge stehen unter einer strengen Kontrolle von physiologischen Regulationssystemen. Der Bär und viele anderen wilden Tiere müssen das heutzutage ebenso machen, sonst verhungern sie im Winter. Sie fressen sich im Herbst das Winterfett an.

Heute haben wir aber einen ständigen Überschuss an Nahrung, im Sommer wie im Winter. Wir leben gewissermaßen wie in einer Nährlösung. Das ist einer der Gründe, warum die Menschen in den Industrieländern der westlichen Prägung in die Adipositas hineingeraten.

Die Hälfte aller Amerikaner, mittlerweile auch der Deutschen, ist zu dick. Die Adipositas ist die größte Epidemie seit 20 Jahren und endet durch die Folgekrankheiten oftmals tödlich.

Welche Ursachen hat "Adipositas"?
Je mehr man über die Ursachen der Adipositas weiß, um so leichter gelingt es, sie abzustellen.

Ganz im Vordergrund stehen die Ernährungsgewohnheiten, die sich in den letzten Jahrzehnten grundlegend verändert haben. Vor allem ist die Zufuhr der sogenannten "Versteckten Fette" ins Riesenhafte gestiegen. Fast-Food zu jeder Tageszeit, häufige Mahlzeiten in Restaurants, abends beim Fernsehen die Knabbereien und Erdnüsse, und , und, und.

Die moderne Nahrung ist auch viel fleischhaltiger als früher, unsere Enkel kennen den Eintopf als billiges Essen überhaupt nicht mehr. Die gekauften Fertiggerichte haben einen hohen Zuckergehalt und Konservierungsstoffe. Und Soßen enthalten Unmengen an reinem Fett.

Es wird ja auch allzu leicht gemacht. Wann sind wir früher schon einmal ins Restaurant gegangen? Und dann unterbieten sich die Angebote. In Los Angeles besuchten wir ein Lokal in dem es hieß: "Einmal bezahlen, dann essen und trinken nach Belieben". Die amerikanischen Gäste, meist aus den unteren Gesellschaftsschichten, hatten sich angewöhnt, einmal innerhalb 24 Stunden zu essen, dann aber unmäßig viel.

Erwähnen muss ich das übermäßige Essen aus beruflichen Gründen. Einer meiner Patienten, ein Journalist, muss 5 mal in der Woche mit Informanten im Restaurant speisen, er kommt aus dieser Teufelskette überhaupt nicht heraus.

Von allergrößter Bedeutung ist der Bewegungsmangel durch die überwiegend sitzende Lebensweise heutzutage. Dazu gehören natürlich der Arbeitsplatz und das Freizeitverhalten. Wie viele Stunden werden heute am Computer verbracht!

Leider müssen wir auch sagen, dass die Erbanlagen mit eine ganz wesentliche Rolle spielen. Allerdings, ohne die Faktoren Überernährung und Bewegungsmangel gelangen diese Erbfaktoren nicht zur Manifestation.

Die psychosomatischen Ursachen bei der Entstehung der Übergewichtigkeit sind von großer praktischer Bedeutung. Im normalen Essverhalten kommt es darauf an, den Sättigungspunkt zu finden und dann mit dem Essen sofort aufzuhören. Wenn diese Wahrnehmung fehlt, ist Adipositas unvermeidlich. Den Kummerspeck kennen Sie alle, das Essen als Ersatz für großes Leid.

Zuletzt weise ich nur kurz darauf hin, dass auch viele internistischen Krankheiten mit Adipositas einhergehen, beispielsweise das Myxödem.

Die Pathophysiologie
Wir verfügen heute über recht genaue Kenntnisse über die pathophysiologischen Vorgänge bei der Adipositas. Die überschüssigen Nahrungsstoffe werden zunächst in den vorhandenen Fettzellen abgelagert. Die Größenzunahme der Zellen wird als Hypertrophie bezeichnet. Wenn dieser Prozess schon in der Kindheit abläuft, nimmt auch die Zahl der Fettzellen zu und führt zur Hyperplasie des Fettorgans. Später kann die Zahl dieser Zellen bei Gewichtsverlust nicht mehr reduziert werden. Deshalb ist die Fettsucht der Kinder besonders fatal.

Es gibt eine Reihe von Mechanismen, die einmal gebildeten Fettzellen im weiteren Leben vor dem Zelluntergang zu bewahren, auch im Hungerzustand. Die hungernden Zellen senden bestimmte Signale an das Gehirn, um den Appetit anzuregen. Außerdem richtet sich der Stoffwechsel auf ein Energiesparprogramm ein. Es ist ein Teufelskreis entstanden, so, als ob der Körper mit aller Kraft an der Adipositas festhalten möchte.

Die Grundsätze der Therapie
Im Prinzip sollte jede Adipositas in ein normales Körpergewicht umgewandelt werden. Das ist besonders wichtig, wenn schon Risikofaktoren für kardiovaskuläre Krankheiten vorliegen. Dazu gehören das Rauchen, der Bluthochdruck und Stoffwechselstörungen. Aber auch eine familiäre Belastung für Herzinfarkt und das höhere Lebensalter sind zu berücksichtigen.

Die Reduzierung der Kalorienzufuhr kann auch ohne einschneidende Maßnahmen in das persönliche Leben erreicht werden. Letztendlich haben alle Diäten irgendwelche nachteiligen Folgen und lassen sich deshalb nicht unbegrenzt fortsetzen. Deshalb steht die Änderung der Lebensweise ganz im Vordergrund. Der Patient muss lernen, wie hoch die Kalorien in jedem Nahrungsmittel, in jeder Speise einzuschätzen sind. Dann ist er in der Lage, aus verschiedenen schmackhaften Angeboten für sich das optimale auszuwählen.

Nicht weniger wichtig erscheint die Notwendigkeit, den Sättigungspunkt beim Essen wiederzufinden und dann sofort die Mahlzeit zu beenden. Wenn der Mensch Hunger bekommt, darf er ja wieder bis zu diesem Punkt speisen usw. Auf diese Weise kommt gar kein richtiges Hungergefühl auf, ja, es darf gar nicht eintreten. Hunger verleitet zum schnellen Essen, bei dem der Sättigungspunkt übergangen wird. Es ist also absolut normal, wenn der Teller nicht mehr leer wird.

Ein dritter Grundsatz besteht in der körperlichen Aktivität, um den Energieverbrauch des Körpers zu steigern. Am besten sind alle Arten des Dauersports dazu geeignet, Wandern, Nordisc Walking, Fahrradfahren usw. Ohne Bewegungstherapie kann eine Reduktion des Körpergewichts nicht erwartet werden. Diese Prinzipien gelten auch bei einer familiären Veranlagung.

Zu allen Zeiten wurden die unterschiedlichsten Medikamente zur Gewichtsreduktion angeboten. Heute stehen die anorektischen Präparate ("Anorexie") auf dem Arzneimittelmarkt. Sie sind mit Nebenwirkungen belastet und bedürfen deshalb der ärztlichen Überwachung. Aber ohne Änderung der Essensgewohnheiten ist ihre Wirksamkeit ebenfalls beschränkt.

In gravierenden Fällen, wenn die Adipositas zu einer unmittelbaren Lebensbedrohung des Patienten führt, stehen operative Massnahmen zur Verfügung. Die miniinvasive chirurgische Anlegung eines Magenbandes steht von den verschiedenen Methoden im Vordergrund.

Zusammenfassung
Die Behandlung der Adipositas besteht in einer Umstellung der Lebensweise, die nichts von den Annehmlichkeiten vermissen lassen darf. Das habe ich in der Form eines Therapeutischen Gedichts zusammengefasst.

Die Gewichtsabnahme
Dein Gewissen soll nicht plagen,
denn satt sein müssen Bauch und Magen.
Iss alles, was dein Herz begehrt.
Nur wisse um den Nahrungswert.
Dann brauchst du selten sich zu wiegen
Und kannst das Leben wieder lieben.
Doch sag dir ständig diese Worte:
Bewegung braucht der Körper: "Sporte".

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