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Bürgerkongress
am 26.10.2007
im Bürgerhaus, Nordwestzentrum Frankfurt am Main


Rückenschmerzen


Mit dem zunehmenden Lebensalter der Menschen werden Rückenschmerzen immer häufiger beobachtet. Man darf heute sagen, dass jeder ältere Mensch in unserem Kulturkreis mehr oder weniger darunter leidet. Wir unterscheiden akute und chronische Schmerzbilder.

Die Ursachen von Rückenschmerzen sind vielfältig. Es kommen Krankheiten der inneren Organe in Betracht, aber auch Krankheitsbilder aus der Urologie und der Gynäkologie. Am häufigsten jedoch hat sich der Orthopäde damit befassen.



Akute Rückenschmerzen
Als die wichtigsten Ursachen des akuten Rückenschmerzes aus orthopädischer Sicht werden die Osteoporose, der spontane Wirbelbruch sowie der Bandscheibenvorfall angesehen.

Die Osteoporose beruht auf einer Entkalkung des Knochensystems. Sie lässt sich häufig schon an der typischen Körperhaltung des Patienten mit dem Rundrücken, dem vorgeschobenen Becken und dem leicht angebeugten Knie beim Stehen und Gehen erkennen. Bei der Betrachtung des Rückens fällt das sogenannte Tannenbaum-Phänomen auf, eine charakteristische Faltenbildung der Haut. Die Schmerzen sind nicht nur in der Wirbelsäule lokalisiert, sie setzen sich auch über dem Brustbein, am Rippenbogen und im Lendenbereich fest und strahlen manchmal in die Beine aus.

Als Folge der Osteoporose kommt es nicht selten zur Fraktur eines Brust- oder Lendenwirbels ohne Unfall, einer Spontanfraktur. Das Ereignis geht mit heftigen akuten Schmerzen einher. Die Diagnose lässt sich sofort aus dem Röntgenbild ersehen.

Abb. 1 Spontanfraktur des 12. Brudtwirbels bei einem 75-jährigen Patienten mit schwerer Osteoporose.

Zuletzt erwähne ich in diesem Zusammenhang den Bandscheibenvorfall. Er ist vorzugsweise in der Lendenregion lokalisiert und kann auch bei jüngeren Menschen auftreten. Oftmals ist der Anlass dafür im ausgelassenen Spiel mit dem Enkel, in der Gartenarbeit oder auf der Reise mit schweren Koffern zu suchen. Auch hier wird die Diagnose heute schnell durch die Röntgen-Untersuchung gestellt, in der Regel durch die Computertomographie.

Oft geht der akute Rückenschmerz in eine chronische orthopädische Krankheit über.
 

Einheitliche Betrachtung der Statik
Die Wirbelsäule hat das Gewicht des Kopfes und des Körpers zu tragen. Die Last muss über den Beckenring auf beide Beine übertragen werden. Unser Stützapparat ist durch das Feinspiel der Kräfte darauf ausgerichtet, diese Arbeit über Jahrzehnte hinweg Tag für Tag zu gewährleisten. Aber im Laufe des Lebens treten durch die Vorgänge des Alterns typische Veränderungen auf. Unser Körper wird von mehr als 200 Knochen und 600 Muskeln im Gleichgewicht aufrecht und in Bewegung gehalten. Wenn auch nur ein wichtiges Gelenk aus dieser Belastungsharmonie herausfällt, dann wirkt sich das auf alle anderen Bereiche der Statik aus. So ist leicht zu erklären, dass die Kniegelenksarthrose auch Schmerzen im Lendenbereich auslöst oder umgekehrt.

Der chronische Rückenschmerz
In philosophischer Hinsicht ist der Schmerz eine sinnvolle Einrichtung, denn sie schützt den Körper vor der Einwirkung von Schäden. Insbesondere wenn ein Schmerz mit negativen Emotionen verbunden ist, hat er für den Organismus einen hohen Lerninhalt. Von einem chronischen Schmerz wird dann gesprochen, wenn die akute Symptomatik über 6 Monate hinaus anhält.


Der chronische Schmerz hat im Leben des Menschen eine zentrale Bedeutung. In der Regel ist er mit erfolglosen Therapieversuchen verbunden. Er führt zu gravierenden Einschränkungen der Lebensqualität mit gedrückter Stimmung und reduzierter Leistungsfähigkeit. In diesem Sinne kann vom chronischen Schmerz als bio-psycho-soziales Phänomen gesprochen werden. Dafür gibt es wichtige Prädiktoren. Vordergründig sind die Aspekte der Lebensweise und hier insbesondere die körperlichen und geistigen Aktivitäten. Ganz wichtig erscheinen aber auch die Unzufriedenheit am Arbeitsplatz und Probleme in der Familie.

Der chronische Rückenschmerz weist einige Charakteristika auf. An erster Stelle steht der Bewegungsmangel. Häufig kommen im Beruf und in der Freizeit einseitige Belastungen und Fehlbelastungen vor, die zu Verspannungen der Muskulatur führen. Bei der ärztlichen Untersuchung fällt auf, dass die objektiven Befunde im Röntgenbild relativ gering ausgeprägt sind. Dagegen sind psychische Faktoren und schwierige soziale Umstände mitunter richtungsweisend.

Der chronische Rückenschmerz wird in der Praxis des Allgemeinarztes bei jedem 7. Patienten gesehen, vom Orthopäden aber fast bei jedem 2. Patienten. Bemerkenswert ist die hohe Rezidivneigung, 80% der Patienten, die einmal betroffen sind, bleiben chronisch krank.

Die Diagnostik erfordert eine komplette Untersuchung von Kopf bis Fuß. Der Patient erwartet darüber hinaus auch Röntgen-Untersuchungen. Aber sobald sich hierbei Diskrepanzen zeigen, müssen psychosoziale Faktoren in die Ursachenforschung einbezogen werden.

Der Krankheitsverlauf des chronischen Rückenschmerzen und ist durch die eingeschränkten Beweglichkeiten und die dadurch veränderte Biomechanik der Gelenke charakterisiert. Andere Gelenke werden überfordert, und die Muskulatur arbeitet unkoordiniert. Der Dauerschmerz wird in die Leitungsbahnen des Gehirns einprogrammiert und setzt die Schmerzgrenze herab. Dadurch nimmt die körperliche Aktivität weiter ab, der Patient empfindet Ängste und sucht den sozialen Rückzug.

Die Behandlung des chronischen Rückenschmerzes muss gleichzeitig an mehreren Stellen ansetzen. Dafür wurde in der Medizin ein sogenanntes Bielefelder Modell eingeführt. Im Vordergrund steht die pharmakologische Schmerztherapie. Das Schmerzgedächtnis muss überspielt und neu erlernt werden. Hierzu werden Schmerzmittel eingesetzt. Begleitend erfolgt die Motivierung zu aktiver körperlicher Bewegung und zu einer medizinischen Kräftigungstherapie, die heute unter dem Namen der Rückenschule bekannt ist. Die Übungen können sowohl mit als auch ohne Geräte erlernt werden. Einen ganz großen Spielraum nehmen nicht zuletzt die Beratungen am Arbeitsplatz und in sozialer Hinsicht ein.

Die Aussichten der Therapie sind nicht als ungünstig zu beurteilen. Es muss aber von einem chronischen Leiden ausgegangen werden, das die unermüdliche aktive Mitarbeit des Patienten erfordert. Zumindest dieser Teil des Behandlungsspektrums lässt sich dann in einem Vierzeiler zusammenfassen:

„Ein Enkel oder auch ein Hund
bewegen Opas Kreuz gesund;
und Oma geht mal wieder wandern,
alleine und auch gern mit anderen“.

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